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Mehr Europa! Zusammenhalt statt Alleingänge in der Gesundheitspolitik

Die Bestrebungen der Europäischen Kommission zur Koordinierung von medizinischen Hilfsmaßnahmen in der Corona-Krise sind löblich. Sie zeigen aber auch: Gesamtheitliche, europäische Maßnahmen sind dringend notwendig, um in der Krise eine vernünftige medizinische Versorgung in ganz Europa sicherzustellen. Alleingänge der Mitgliedstaaten wirken sich hingegen kontraproduktiv aus.

Die Gesundheitspolitik liegt im alleinigen Verantwortungsbereich der Mitgliedstaaten und die aktuelle Krise zeigt, dass in der Ausstattung der  Gesundheitssysteme gravierende Unterschiede bestehen. Die Wirksamkeit europäischer Hilfsmaßnahmen basiert auf dem Wohlwollen der Mitgliedstaaten. Hieran fehlt es gegenwärtig nicht, denn bei der Beschaffung und Bereitstellung von Schutzausrüstung oder der Aufnahme und Versorgung von Patienten gewinnt man derzeit schnell den Eindruck, dass europäische Solidarität tatsächlich gelebt wird. Ebenso verhält es sich beim Programm rescEU des Europäischen Zivilschutzmechanismus, über das Anfang April ein europäisches Team an Ärzten und Krankenschwestern aus Rumänien und Norwegen in die besonders betroffenen Regionen Italiens entsendet wurde. Mitte März hatte die Kommission zudem angekündigt, einen Vorrat an Notfallausrüstung wie Beatmungsgeräte, Schutzmasken und Labormaterial zu finanzieren, um EU-Länder in der Corona-Krise zu unterstützen. Beschaffung und Lagerung erfolgen durch die Mitgliedstaaten, während die Verteilungsfrage dem europäischen Zentrum für die Koordinierung von Notfallmaßnahmen (ERCC) obliegt.

Blockadehaltung der Mitgliedstaaten verschärfte die Lage

Viele dieser Maßnahmen kommen allerdings zu spät, weil die Mitgliedstaaten durch unnötige Alleingänge im Vorfeld die notwendige Zusammenarbeit blockierten. Vorbildlich schlug die Kommission bereits im Januar Sammelbestellungen vor, um für die Virus-Welle gerüstet zu sein. Das Vorhaben scheiterte an der ablehnenden Haltung der Mitgliedstaaten mit der Begründung, die Gesundheitssysteme seien vorbereitet. Doch sie waren es nicht. Rasch fehlte es an Beatmungsgeräten, Schutzkleidung und Labormaterial. Diese Fehleinschätzung spielte dem Virus in die Hände, sie forderte erhöhte Ansteckungs- und Todeszahlen. Doch anstatt sich einsichtig zu zeigen und nach europäischer Hilfe zu rufen, trugen protektionistische Reaktionen einzelner Mitgliedstaaten zu einer weiteren Verschärfung der Lage bei. Dazu zählen unter anderem Exportverbote für Schutzmasken und das Abfangen solcher Lieferungen sowie Grenzschließungen. Wir verurteilen diese anti-europäische Vorgehensweise aufs Schärfste.

So wenig wie ein Virus an den Grenzen halt macht, darf es der Gesundheitsschutz!

Ausbau der EU-Gesundheitspolitik ist unausweichlich

Die guten und notwendigen Ansätze der EU greifen in der Corona-Krise folglich zu spät und wirken eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Wir fordern daher erweiterte europäische Kompetenzen in der Gesundheitspolitik und den Ausbau der bestehenden Mechanismen, zum Beispiel durch die Einrichtung eines dauerhaften europäischen Hilfsfonds für notwendige medizinische Güter, sowie Maßnahmen zur Unterbindung von Exportverboten für diese Güter innerhalb der EU! Für mehr europäische Solidarität im Gesundheitswesen, nicht erst mitten in der Krise.

Grenzschließungen wenig wirksam und eine Gefahr für Europäische Integration

Corona ist in Europa angekommen – und zwar in jedem Land. Jetzt Grenzen zu schließen, hat nicht nur keinen Nutzen, sondern schadet allen Mitgliedsländern und Europa als Ganzem.

Es ist ein Reflex, der zeigt, wie viel Macht dem Konstrukt des Nationalstaates noch heute zugeschrieben wird: Bei Gefahr machen wir die Grenzen dicht und versuchen, das Problem allein zu lösen.

Wenngleich es sinnvoll sein kann, besonders stark betroffene Regionen zumindest zeitweise voneinander zu isolieren, lässt sich bei den aktuellen Grenzkontrollen kein solcher Nutzen erkennen. Denn das Virus ist ohnehin in allen Ländern angekommen und hat sich dort bereits innerhalb der Bevölkerung verbreitet. Damit sind nicht Eintragungen des Virus‘ von außen das Problem, sondern die Ansteckungen der Menschen untereinander.

Was hilft und was nicht

Grenzschließungen geben uns die Illusion von Kontrolle angesichts einer schwer vorhersagbaren Situation – sie sind damit eine Form magischen Denkens, die uns beruhigen soll und Handlungsfähigkeit simuliert. Unter den aktuellen Bedingungen können Grenzschließungen die Infektionszahlen aber nicht nennenswert senken. Die Maßnahmen, die wirklich helfen, sind jene, die wiederholt empfohlen werden: Social Distancing, Händewaschen und Isolierung von Infizierten. Diese gelten und wirken in allen Ländern gleichermaßen.

Jetzt die Schlagbäume zu senken, löst unsere Probleme also nicht – ganz im Gegenteil, es schafft sogar neue. Wichtige, systemrelevante Arbeitskräfte kommen verspätet zur Arbeit, weil sie lang vor den Grenzen warten müssen. Lebensmittel, Desinfektionsmittel und andere kritische Güter haben Verspätungen von Tagen (!), weil es zu Staus an den Grenzübergängen kommt. In den kommenden Wochen könnten Massen von Lebensmitteln auf den Feldern verkommen, weil Erntehelfer aus anderen Ländern fehlen. Die europäischen Länder und Menschen sind inzwischen derart miteinander vernetzt, dass Grenzschließungen in vielen Lebensbereichen zu erheblichem Schaden führen.

Unsere Grenzen müssen offen bleiben!

Der nationalstaatliche Reflex muss angesichts dieser Tatsachen von den Regierungen überdacht und überwunden werden. Wenn die Maßnahmen, die gegen die Pandemie helfen, uns schon vor große Anstrengungen stellen, sollten wir uns nicht mit unnötigen Maßnahmen ohne nachweisbaren Nutzen zusätzlich schaden. Auch und gerade jetzt: die Grenzen in Europa müssen offenbleiben. Denn es geht nicht darum, Ansteckungen zwischen Ländern zu vermeiden, sondern die Ansteckungen innerhalb der Länder auf ein handhabbares Niveau zu senken. Dafür brauchen wir: Pflegekräfte aus Polen, Lebensmittel aus den Niederlanden und Medikamente aus der Schweiz. Und zwar sofort – ohne endlose Kontrollen an den Grenzen.

Schattenseiten der digitalen Bildung: Schule während der Corona-Pandemie

Seit Ausbruch der Pandemie bleiben weltweit Schulen geschlossen. Unterricht soll nun digital statt im Klassenzimmer erfolgen. Mehr Gerechtigkeit durch digitale Bildung? Oder macht die vermehrte Nutzung digitaler Bildung zu Zeiten von Corona nicht eher sichtbar, wo Ungleichheit herrscht? Und noch eine Frage: Braucht man die analoge Schule noch oder kann sie weg? Ein Kommentar.

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„Sind die Ressourcenausstattung oder Lebensbedingungen von bestimmten Gruppen so beschaffen, dass sie regelmäßig bessere Lebens- und Verwirklichungschancen als andere haben, so spricht man von sozialer Ungleichheit“, definiert die Bundeszentrale für politische Bildung soziale Ungleichheit. Diese fängt mit der Geburt an und wird gerade in der Schulzeit sichtbar: Kinder, die in besseren – sprich reicheren – Vierteln zur Schule gehen, profitieren davon, dass an ihrer Schule eine engagiertere, meist akademische Elternschaft aktiv ist, die die Digitalisierung von Schulen schon lange vorantreibt.

Diese Kinder werden auch zu Zeiten, in denen Schule während der Corona-Pandemie nicht analog stattfinden kann, ein besseres Lernangebot online vorfinden. Das ermöglicht ihnen in der Corona-Krise, mehr zu lernen als Kinder, deren Schulen kaum digitale Angebote vorweisen können. Zudem bekommen Kinder, deren Eltern einen höheren Bildungsgrad haben, häufiger Anregungen und Unterstützung für die Hausaufgaben von Zuhause. Gerade zu Zeiten von Corona sind es vor allem Eltern mit akademischen Berufen, die Homeoffice machen und so ihren Kindern mehr Zeit widmen können. Kinder, deren Eltern Pflegekräfte, Verkäufer*innen oder Reinigungspersonal sind, können ihre Arbeit nicht von zu Hause aus erledigen. Deren Kinder sind länger allein und müssen selbst die Motivation aufbringen, sich an die Aufgaben der Lehrer*innen zu halten.

Benachteiligung hat viele Gesichter

Doch es geht nicht allein darum, dass Kinder aus ärmeren Familien während der Corona-Krise weniger lernen. Es geht um viel elementarere Dinge. Noch Anfang des Jahres 2020 schrieb die Wochenzeitung ZEIT, dass in Deutschland ca. 1,5 Millionen Kinder in Armut leben. Für ein 10-jähriges Kind seien im Hartz-IV-Satz 4,09 Euro pro Tag für Essen und Trinken vorgesehen. Diese Summe reicht schon im alltäglichen Leben nicht, um Kindern eine angemessene, warme Mahlzeit am Tag zu garantieren. Ohne die Schulkantine kann es nun dazu kommen, dass auch die eine warme Mahlzeit am Tag für manche Kinder ausbleibt.

Armut, Stress, Ausgehverbot: die Corona-Pandemie belasten ärmere Familien stärker als Familien mit finanziellen Rücklagen. Das birgt weitere Risiken, wie ein erhöhter Alkoholkonsum oder vermehrter Gewalt. Waren Kinder zuvor die meiste Zeit am Tag in der Schule, so sind sie diesen Situationen nun schutzlos ausgeliefert. Sowohl die Gewaltanwendungen gegen Kinder, als auch die Zahl von Teenager-Schwangerschaften schnellen zu Krisenzeiten enorm in die Höhe, wie eine Studie mehrerer Nichtregierungsorganisationen zur Ebola-Krise gezeigt hat. Zudem haben die Kinder kaum Kontakt zu Drittpersonen, die helfen könnten und viele Anlaufstellen sind geschlossen.

Die Schule als Schutzraum

Die Schule kann viele Ungleichheiten zum Beispiel durch ein warmes Mittagsangebot und Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag ausgleichen. Sie kann ein Zufluchtsort vor Gewalt werden, sie kann ein Raum sein, in dem Kinder Ansprechpartner*innen, Freundin*innen und Unterstützung finden. Sie macht ein Stück weit wett, wofür Kinder nichts können, nämlich unter welchen Umständen sie geboren wurden.

Zu Zeiten von Corona gerät schnell in Vergessenheit, dass es sich für viele Kinder um eine ebenso unerträgliche Situation handelt. Jene, die auch sonst mit Kindern arbeiten, sind daher dazu angehalten, auch jetzt zu helfen, wo Hilfe notwendig ist: Lehrer*innen können hier beispielsweise Kontakt zu den Kindern halten, deren Vorgeschichten sie besonders gut kennen oder um deren Situation sie wissen. Auch Studierende können sich engagieren, zum Beispiel durch Online-Hausaufgabenbetreuung. Die einzige Hoffnung, die in dieser Situation bleibt, ist, dass die sichtbar gemachten, sozialen Ungleichheiten nach der Corona-Krise Priorität für die Regierungen werden. Natürlich hat die Schule mal genervt, aber abgeschafft gehört sie auf keinen Fall.

von Julia Fischer

Digitale Bildung: Diffuser Zukunftstraum oder Rettung aus der Corona-Krise?

Digitale Bildung ist derzeit in aller Munde: Homeschooling, E-Learning oder digitale Klassenzimmer sind nur einige der Optionen, die diskutiert werden. In der Corona-Krise wird deutlich, dass digitale Medien im Zeitalter der Digitalisierung unumgänglich und oftmals sehr nützlich sein können – wenn sie richtig eingesetzt und erklärt werden. Zu digitaler Bildung gehört schließlich auch, Kindern und Jugendlichen beizubringen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Internet aussehen kann und welche Inhalte als Recherchegrundlage genutzt werden können. Wie setzen die unterschiedlichen europäischen Länder aber digitale Bildung in der Praxis um? Ein Blick in die Daten der International Computer and Information Literacy Study.

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Durchgeführt wurde die Studie von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA). Sie besteht aus einer internationalen Kooperation zwischen nationalen und staatlichen Forschungseinrichtungen, Wissenschaftler*innen und Analytiker*innen. Ziel der IEA ist, den weltweiten Bildungsstand zu erforschen, zu verstehen und zu verbessern. Für diese Studie wurden 2018 weltweite Vergleichstests in den achten Klassen der jeweiligen Schule durchgeführt. Mehr als 46.000 Schüler*innen und 26.000 Lehrer*innen haben mit dem Ziel teilgenommen, festzustellen, wie gut die Schüler*innen für das Studieren, Arbeiten und Leben in einer digitalen Welt vorbereitet werden. Doch nicht alle Länder haben zum selben Umfang an den Vergleichstests teilgenommen. Deswegen werden im Folgenden vier europäische Länder näher begutachtet, deren Ergebnisse gut miteinander vergleichbar sind: Deutschland, Dänemark, Frankreich und Portugal.

In Deutschland ist das Bildungssystem föderal organisiert: Jeder Bundesstaat hat daher legislative und administrative Kompetenzen inne, sodass die Bildungssysteme verschiedener Bundesländer sehr unterschiedlich sein können. Trotzdem wurde 2016 während der Kultusminister*innen-Konferenz eine gemeinsames, nationales Handlungskonzept unter dem Titel „Bildung in der digitalen Welt“ veröffentlicht, die 2018/2019 angelaufen ist. Hier geht es darum, den digitalen Wandel in den Lern- und Lehrprozess zu integrieren. In diesem Rahmen wurde der nationalen Digitalpakt Schule eingeführt, in dem der Bund den Schulen 5 Millionen Euro zur Verfügung stellt, um sie mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) auszustatten. Hier ist das Ziel ein flächendeckender Ausbau einer digitalen Bildungsinfrastruktur. Gleichzeitig verpflichten sich die Kommunen, das Lehrpersonal im Umgang mit IKT aus- und weiterzubilden und zu prüfen, ob die Schulkonzepte zur Digitalisierung ausreichend sind.

Auch wenn in Dänemark das Bildungsministerium nationale Stundenplanstandards, Klausuren und Regulierungen vorgibt, obliegt es dort den Schulen sich selbst oder alternativ den Gemeinden ihre Schulen innerhalb dieser nationalen Standards zu organisieren. Zwischen 2011 und 2017 stellte der Staat rund 1 Billionen DKK, umgerechnet US$ 152 Millionen, zur Verfügung, um digitale Bildungsmaterialen auszubauen. Mittlerweile werden Schüler*innen nicht nur als Konsumierende, sondern auch als Produzierende von sogenannten Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gesehen. Deswegen wurde 2018 ein Experiment vom Bildungsministerium eingeführt: Von nun an können Schulen „Technologisierte Fähigkeiten“ als Schulfach oder als integrierten Teil eines Schulfaches einführen. In diesem Fach werden Kompetenzen wie das kritische Verständnis von IKT und digitales Design unterrichtet. 46 Schulen haben dieses Angebot bisher angenommen.

In Frankreich wird die Bildungspolitik zentral vom Ministerium für Bildung & Jugend organisiert. Für den Bereich der digitalen Bildung gibt es kein separates Unterrichtsfach. Stattdessen werden digitale Komponenten in alle anderen Fächer integriert. Dazu zählt zum Beispiel, dass Schüler*innen im Fach Mathe und Technologie lernen, Computercodes mithilfe von Algorithmen zu erstellen.

Das Bildungsministerium in Portugal ist für übergeordnete Ziele und Richtungen der portugiesischen Bildungspolitik verantwortlich, wozu auch die Stundenplangestaltung, Finanzierung, Ressourcenplanung & Organisation der Schulen gehört. Mit dem 2017 erschienenen Dokument „Schüler*innenprofil am Ende der verpflichtenden Schulzeit“ wurden vier Bereiche für die digitale Bildung festgelegt: die digitale Staatsbürger*innenschaft, digitale Forschung, Kommunikation und Zusammenarbeit und Kreativität und Innovationsgeist im digitalen Raum. Zwischen der fünften und neunten Klasse gibt es sogar ein Pflichtfach zu IKT. Zusätzlich unterstützt die portugiesische Regierung mehrere Schulprojekte: Eins davon ist das Nationale Netzwerk der Programmier- und Roboterklubs, von dem bisher an 269 portugiesischen Schulen Ableger gegründet wurden.

Im Vergleich: Vorbereitung des Lehrpersonals

Vergleicht man diese vier Länder, werden deutliche Unterschiede sichtbar. Wenn es zum Beispiel um die Anforderungen für das Lehrpersonal an Schulen geht, bilden weder Deutschland noch Portugal ihr Lehrpersonal im Lehramtsstudium in den Bereichen „Technische Kapazitäten, um IKT zu benutzen“ oder „Benutzung von IKT in der Pädagogik“ aus. Hier stellt sich die Frage, wie Lehrer*innen den Schüler*innen den Umgang mit IKT beibringen sollen, wenn sie selbst den richtigen Umgang mit und die Vermittlung dieser Technologien im Studium nicht gelernt haben. In Dänemark und Frankreich gehören diese beiden Punkte hingegen zum Pflichtbestandteil der Lehramtsausbildung.

Ähnlich steht es um die Durchführung von Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrpersonal. In der Entwicklung von digitalem Unterrichten und Lernmaterialen werden Lehrer*innen am meisten vom französischen und dänischen Staat unterstützt. Dänemark finanziert Weiterbildungsprogramme, stellt technische Ressourcen, auf die das Lehrpersonal zugreifen kann, um sich weiterzubilden, sowie Vertretungspersonal zur Verfügung, damit Lehrer*innen an Fortbildungen teilnehmen können. Frankreich verzichtet auf die Finanzierung von Weiterbildungsprogrammen, bietet aber Ressourcen und Vertretungspersonal. Deutschland und Portugal stellen lediglich Ressourcen zur Verfügung.

Im Vergleich: Zugang zu digitalen Medien an Schulen

Grundlage dafür, dass Lehrpersonal und Schüler*innen digitale Median in der Schule nutzen können, ist ein Zugang zum Schul-WLAN. Hier führt eindeutig Dänemark, wo 100% der Schulen mit einem WLAN-Zugang ausgerüstet sind. Auch 85% der portugiesischen Schulen haben einen WLAN-Zugang. Anders sieht es in Frankreich mit lediglich 37% und Deutschland mit nur 26% aus. Aus der mangelnden WLAN-Ausstattung und Vorbereitung des Lehrpersonals in Deutschland ergibt sich ein äußerst negatives Bild: Im europäischen Vergleich ist es dort kaum möglich, Schüler*innen auf einen digitalen Arbeitsplatz vorzubereiten oder im Umgang mit digitalen Medien zu schulen.

Gerade zu Zeiten der Corona-Pandemie wird deutlich, welche Länder schon zuvor in digital verfügbare Lehrmaterialen investiert haben. Ihnen kommt zu Gute, dass sie nun weniger neue Vorbereitungs- und Anpassungszeit benötigen, um den Unterricht normal weiterlaufen zu lassen. Vergleicht man die vier Länder zum Beispiel darin, wie viel Prozent der Schulen ein Lernmanagementsystem eingeführt haben, so sind dies in Dänemark 84%, in Frankreich 29%, in Deutschland immerhin 49% und in Portugal 84%. Wieder sind portugiesische und dänische Schulen besser vorbereitet als französische und deutsche. Auch im Bereich „Digitale Lernspiele für Einzelpersonen“ liegen Dänemark mit 72% und Portugal mit 59% vor Frankreich mit 46% und schließlich Deutschland mit 35%.

Was dieser europäische Vergleich zeigt

Die Digitalisierung der Bildung stellt manche Länder vor eine große Herausforderung. Nicht nur zu Corona-Zeiten, auch im Alltag mangelt es in Deutschland und Frankreich an Fächerangeboten, die den richtigen Umgang mit IKT vermitteln. Weiter bereitet sowohl in Deutschland als auch in Portugal die Lehramtsausbildung nur schlecht auf die Vermittlung von IKT vor. Hinzu kommen organisatorische Punkte wie die fehlenden WLAN-Zugänge an vielen der deutschen oder französischen Schulen und der Zugang zu digitalem Lehrmaterial.

Die Corona-Krise deckt diese Missstände nun auf: Schulen sind geschlossen, Kinder zuhause und Lehrpersonal ratlos. Dänemark, aber auch Estland und Finnland, können nun auf ihrem bisherigen Ausbau von digitalem Unterricht aufbauen. Die Hoffnung bleibt, dass sich Länder wie Deutschland oder Frankreich daran ein Beispiel nehmen oder es vermehrt zu europäischen Initiativen zum Austausch von bewährten Best-Practice-Beispielen kommt, wie zum Beispiel durch den „Europäischen Rahmen für die digitale Kompetenz Lehrender“.

von Julia Fischer

Gemeinsam aus der Krise – Corona-Bonds jetzt!

Die Coronakrise bringt uns alle an unsere persönlichen Grenzen und auch die öffentlichen Haushalte werden durch die wirtschaftlichen Folgen an ihre Schmerzgrenze gelangen. Alle Mitgliedstaaten sind jetzt gefordert, den wirtschaftlichen Einbruch durch direkte Transfers und Liquiditätshilfen abzufedern. Corona-Bonds – gemeinsame Anleihen – sind unserer Meinung nach ein unverzichtbares Mittel!

Manche Staaten wie Deutschland befinden sich in einer fiskalisch besseren Lage als andere Länder wie Italien. Bei den durch die Eurogruppe beschlossenen Maßnahmen liegt die Last auf lange Frist bei den Mitgliedstaaten und es finden keine ausreichenden Transferleistungen statt. Besonders betroffene Staaten werden letztlich einen Großteil der Kosten tragen. Für Italien würde dies exemplarisch einen Anstieg der Schuldenstandsquote in Richtung 200% bedeuten. Es ist anzunehmen, dass dies zu erhöhten Risikoprämien führen würde und den Weg für eine neue Staatsschuldenkrise ebnen könnte. Es ist im besten Interesse aller Mitgliedstaaten, die wirtschaftlichen Folgen in allen Ländern gleichermaßen gut abzufedern. Eine erneute Eurokrise wäre sowohl ökonomisch als auch politisch um ein Vielfaches teurer. Wir müssen uns jetzt solidarisch zeigen, wenn wir nicht die Hälfte des Binnenmarktes am Boden liegen sehen möchte. 

Corona-Bonds ökonomisch die beste Lösung

Wir fordern die Regierungen aller Mitgliedstaaten dazu auf, die Wahl der Hilfsmittel unideologisch anzugehen und auf die Wissenschaft zu hören. Ein breiter Zusammenschluss der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands rund um Jens Suedekum, Michael Hüther, Peter Bofinger, Sebastian Dullien, Christoph Trebesch, Moritz Schularick, Gabriel Felbermayr und Michael Hüther haben sich bereits öffentlich für Corona-Bonds ausgesprochen. Den genannten Wissenschaftlern kann man definitiv nicht unterstellen, dass sie eine gemeinsame Ideologie verfolgen. Umso bemerkenswerter ist ihre Einigkeit in Bezug auf Corona-Bonds. Ökonomisch sind sie schlichtweg der beste Ansatz in dieser Krise. Bei den Corona-Bonds handelt es sich des Weiteren nicht, wie häufig behauptet, um einen Einstieg in eine Haftungsgemeinschaft. Sie wären einmalig, begrenzt und zweckgebunden. Die angedachten 200 Milliarden Euro (6% des BIP) könnte Deutschland gut stemmen, zumal Deutschland ebenfalls von den Corona-Bonds profitieren würde. Langfristig würden alle Länder und auch Deutschland von einem Szenario mit Corona-Bonds, gegenüber einem Szenario ohne, profitieren. Der Ansatz eines „recovery fund“ ohne Corona-Bonds löst demgegenüber keine Probleme, sondern verschiebt die Finanzierungsfrage nur auf unbestimmte Zeit. 

Europäische Solidarität statt nationalem Egoismus

Corona-Bonds sind allerdings nicht nur auf Grund der ökonomischen Überlegenheit, sondern auch aus politischen Gründen unterstützenswert. Wir dürfen in dieser Situation den hilfesuchenden Ländern nicht die kalte Schulter zeigen, sondern müssen ihnen die warme Hand der Solidarität reichen. Wenden wir uns jetzt von ihnen ab, dann wenden wir uns auch von der europäischen Idee ab und riskieren wissentlich ein Auseinanderbrechen der EU. Italien und Spanien werden unsere Rücksichtslosigkeit nicht vergessen. Dasselbe würde andersherum aber auch gelten. Zeigen wir uns jetzt solidarisch, dann werden wir in Zukunft auch Solidarität empfangen. Wir wollen nicht in einer EU leben, in welcher der Grundsatz der Solidarität nur in guten Zeiten gilt.

Geisterfahrer Ungarn: Die EU muss ihre Grundwerte verteidigen!

Der ungarische Präsident Viktor Orbán hat im Rahmen der Corona-Krise seine Machtbefugnisse weiter ausgeweitet. In den letzten Jahren hat Orbán seine Mehrheit im Parlament immer wieder dafür genutzt, verschiedene Pfeiler der Demokratie auszuhöhlen und verstößt damit gegen die Grundprinzipien der EU. Parlament, Mitgliedsstaaten und Kommission haben diesem Verhalten bisher nichts entscheidendes engegengesetzt. Wir finden: Das muss jetzt ein Ende haben!

Viktor Orbán hat die Corona-Pandemie genutzt, um sich weitgehende Machtbefugnisse zu verschaffen und den Weg Ungarns in einen Autoritarismus zu ebnen. Das am Montag im ungarischen Parlament verabschiedete Notstandsgesetz ist ein weiterer schwerer Schlag gegen die demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätze und Werte der Europäischen Union. Der auf unbestimmte Zeit verlängerte Notstand ermöglicht es Orbán, per Dekret zu regieren – de facto ist die parlamentarische Kontrolle außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig wird die Pressefreiheit weiter eingeschränkt, in dem die Verbreitung nicht genauer definierter „Fake News“ mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden kann.

Sowohl die Europäische Union als auch die Bundesregierung dürfen nicht länger untätig und wortlos dabei zuschauen, wie Mitten in der EU ein demokratischer in einen autoritären Staat umgebaut wird. Die jüngsten Maßnahmen stellen nur eine Fortsetzung dessen dar, was sich in Orbáns Amtszeit seit 2010 Stück für Stück angekündigt hat: Regierung, Medien und Wirtschaft wurden zunehmend an die Leine genommen, die Unabhängigkeit der Justiz eingeschränkt, entscheidende Positionen in kulturellen Institutionen mit eigenen Gefolgsleuten besetzt und Bildungseinrichtungen, wie die Central European University, außer Landes gezwungen.

Artikel-7-Verfahren konsequent anwenden!

Daher fordern wir die Europäische Union und nationalen Regierungschef*innen dazu auf, den Rechtsstaatsmechanismus in Form des Artikel-7-Verfahrens konsequent anzuwenden und die Einhaltung der europäischen Grundwerte zu gewährleisten. Des Weiteren muss der im Kontext des mehrjährigen Finanzrahmens diskutierte neue EU-Haushalt Sanktionsmechanismen bei der Verletzung von Rechtsstaatlichkeit enthalten, um derartigen Verstößen ein effektives, unmittelbar wirkendes Mittel gegenüber zu stellen.

Nicht zuletzt ist die Ausnutzung der Corona-Krise zur Durchsetzung derartiger nationalistischer und autoritärer Maßnahmen ein falsches Zeichen zur falschen Zeit. Der Virus kennt keine Grenzen. Deshalb ist gerade jetzt die Zeit für mehr Gemeinschaft, Solidarität und Demokratie. Die Zeit für mehr Europa!

Kurz erklärt: Corona-Bonds

Das Corona-Virus stürzt Europa in eine ausgewachsene Wirtschaftskrise und stellt europäische Solidarität auf die Probe. Sind Corona-Bonds die zeitgemäße Antwort auf die gemeinsame Herausforderung? Wir erklären wie sie funktionieren und warum sie in der Sitzung des Europäischen Rats vergangenen Donnerstag für politische Spannungen sorgten.

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Stark vom Coronavirus betroffene Länder wie Italien und Spanien versuchen weiter verzweifelt, ihre überlasteten Gesundheitssysteme am Laufen zu halten. Sie sind enttäuscht über als unzureichend empfundene Hilfen durch die EU und ihre Mitgliedsländer. Ausgerechnet China konnte in dieser Lage mit geschickt inszenierten Hilfslieferungen punkten. Vor diesem Hintergrund lastet ein hoher Druck auf den EU-Institutionen, endlich zu liefern und einen Plan für die Reaktion auf die Corona-Krise vorzulegen. Sie birgt längst auch große ökonomische Risiken: Die EU-Kommission rechnet für 2020 mit einer „sehr wahrscheinlichen“ Rezession.

Die Idee von Corona-Bonds ist durch einen offenen Brief von neun EU-Ländern an den Ratspräsidenten Charles Michel in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Dieser unter anderem von Italien, Spanien und Frankreich unterstützte Brief fordert eine schnelle, effektive und vor allem gemeinsame europäische Antwort auf wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise und sieht dazu ein gemeinsames Schuldeninstrument, die sogenannten „Corona-Bonds“, vor. Bei der virtuellen Sitzung des Europäischen Rats am Donnerstag sorgte das Thema für Zerwürfnisse zwischen den Ländern.

Was sind Corona-Bonds?

Die Idee ist nicht neu: Schon zur Bewältigung der Euro-Krise wurden gemeinsame Staatsanleihen, sogenannte Euro-Bonds, vorgeschlagen. Grundsätzlich geht es darum, gemeinsame Schulden aufzunehmen, für die auch gemeinsam gehaftet wird. Durch die gemeinsame Haftung wird verhindert, dass die Zinsen für die Staatsanleihen besonders krisengeplagter Länder in die Höhe schnellen. Solange alle europäischen Länder gemeinsam haften, profitieren sie von dem Vertrauen der Finanzmärkte in finanziell gut ausgestattete Länder wie Deutschland. Die durch die Bonds generierten finanziellen Mittel sollen dann nach vereinbarten Regeln dazu verwendet werden, dringend notwendige Investitionen in die Gesundheitssysteme zu finanzieren und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern.

Sie würden insbesondere Mitgliedsstaaten wie Italien helfen, die für ihre Staatsanleihen schon jetzt mit steigenden Zinsen konfrontiert sind. Italien und weitere Länder könnten schlimmstenfalls aus Mangel an Mitteln nicht in der Lage sein, notwendige Wirtschaftshilfen bereitzustellen, oder gar in eine weitere Staatsschuldenkrise getrieben werden. Indirekt könnten auch wohlhabende Länder davon profitieren, dass die Stabilität der Eurozone gestärkt und das Risiko einer verschärften und auf andere Länder übergreifenden Krise reduziert wird. Während Corona-Bonds gerade den stark verschuldeten Euro-Ländern wie Italien neue finanzielle Spielräume verschaffen könnten, sind allerdings viele Länder mit solideren Finanzen skeptisch. Durch die gemeinsame Schuldenaufnahme würden sie sich finanziell an der Krisenbekämpfung in den verschuldeten Ländern beteiligen und müssten im Ernstfall in Haftung gehen.

Setzen gemeinschaftliche Schulden falsche Anreize?

Der Plan spaltet also die Meinungen. Einige Politiker*innen und Ökonom*innen lehnen Euro-Bonds kategorisch ab, da die gemeinschaftliche Schuldenaufnahme falsche Anreize für Krisenländer setze. Länder, die bereits hoch verschuldet sind, könnten sich auf der gemeinsamen Garantie für den Schuldendienst ausruhen und keine Anstrengungen unternehmen, zu einem ausgeglichenen Budget zurückzukehren.

In Bezug auf die Corona-Krise besteht jedoch Einigkeit, dass bedeutende öffentliche Aufwendungen notwendig sind, um die schlimmsten Folgen zu verhindern. Außerdem ist die Corona-Krise ein externer Schock, der nicht auf schlechte Haushaltsführung einzelner Länder zurückzuführen ist, sondern alle EU-Länder trifft. Zudem soll keine vollständige Vergemeinschaftung von Schulden erreicht werden, sondern es geht ausschließlich um die zur Überwindung der Corona-Krise notwendigen Ausgaben. Ein Aufrufsieben führender deutscher Ökonomen in der FAZ vom vergangenen Samstag schlägt hierzu ein Gesamtvolumen von einer Billion Euro vor, um Solvenzkrisen bei besonders betroffenen Ländern zu verhindern. Sie argumentieren mit einem historischen Präzedenzfall: Zur Bekämpfung der Ölkrise 1974 wurde ebenfalls eine Gemeinschaftsanleihe ausgegeben. Nichtsdestotrotz gibt es teils große politische Vorbehalte – gerade die Länder, die sich schon während der Euro-Krise strikt gegen gemeinschaftliche Anleihen aussprachen, zeigen sich ablehnend.

Nord-Süd Spaltung bricht erneut auf

Während Italien und Spanien ein gesamteuropäisches Vorgehen und Unterstützung fordern, kommt der Widerstand aus dem Norden Europas. Besonders der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat sich stark gegen jegliche Vergemeinschaftung von Schulden ausgesprochen, die er als Schritt zu einer Transferunion ansieht. Eine Transferunion meint regelmäßige Unterstützungsleistungen der finanzstarken an schwächere Mitgliedsländer, wie es beispielsweise in Deutschland mit dem Länderfinanzausgleich geschieht. Gerade konservative Kräfte, die eine weitere europäische Integration ablehnen und die Eigenverantwortung der Nationalstaaten betonen, wehren sich gegen solche Entwicklungen. Rutte verwies zudem auf die fehlenden finanziellen Reserven der Krisenstaaten und zog damit den Ärger der südlichen Länder auf sich, die nach der Eurokrise unter schmerzhaften Sparprogrammen zu leiden hatten. Viele sehen gerade die erzwungene Sparpolitik als mitverantwortlich für den schlechten Zustand des Gesundheitssystems, der sich in der Corona-Krise als besonders fatal herausstellt. Krankenhäuser, die seit Jahren am personellen und finanziellen Limit arbeiten, können kaum die notwendigen Kapazitäten für die vielen Corona-Fälle schaffen.

Berlin ebenfalls gegen Corona-Bonds – ESM als Alternative?

Neben den Niederlanden zeigte auch Deutschland wenig Bereitschaft zur Zustimmung zu Corona-Bonds. Wirtschaftsminister Altmaier spricht von Corona-Bonds als „Wiedergänger längst verworfener Konzepte“ und bleibt damit auf der Linie, die die CDU auch in der Euro-Krise konsequent verfolgte. Von Seiten der EU-Kommission hatte Präsidentin von der Leyen vor einigen Tagen die Option von Corona-Bonds noch erwogen, spricht sich nun allerdings auch gegen sie aus. Falls sich die Position Deutschlands nicht grundsätzlich ändert, haben Corona-Bonds letztlich kaum eine Chance, umgesetzt zu werden. Bundeskanzlerin Merkel schlug stattdessen eine Kreditvergabe durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) vor.

Er umfasst ein Gesamtvolumen von 410 Mrd. Euro und könnte schnell aktiviert werden, während man sich auf die Details von Corona-Bonds erst noch einigen müsste. Der ESM kann allerdings Kredite nur gebunden an Bedingungen vergeben – eben jene Anpassungsprogramme, denen sich die potenziellen Empfängerländer nicht erneut aussetzen wollen. Zudem würden die ESM-Kredite die Schuldenbelastung der Empfängerländer stärker erhöhen als gemeinschaftlich getragene Corona-Bonds. Möglicherweise ließe sich zumindest in Bezug auf die Bedingungen der ESM-Kredite ein Kompromiss finden, vorgeschlagen wird etwa eine nur nachträgliche Prüfung der Mittelverwendung.

Thematik vorerst vertagt

Sechs – und nicht wie geplant zwei – Stunden dauerte die von emotionalen Debatten gekennzeichnete Sitzung des Europäischen Rates am Donnerstag letztlich. Der Entwurf für eine gemeinsame Erklärung der Staats- und Regierungschef*innen sollte ursprünglich lediglich die Mitglieder der Eurozone dazu beauftragen, Details für Hilfen aus dem ESM zu erarbeiten. Der italienische Ministerpräsident Guiseppe Conte beharrte aber darauf, auch Corona-Bonds als Lösung zu erwägen. Schlussendlich einigte man sich auf den Formelkompromiss, dass nun innerhalb von zwei Wochen „Vorschläge“ von der Eurogruppe erarbeitet werden sollen.

Die grundlegende Frage danach, wie europäische Solidarität in Krisenzeiten aussehen soll, bleibt weiter ungelöst. Bisher zeigt sich eine Vertiefung bestehender Spaltungen. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob trotzdem noch eine gemeinsame, schnelle und wirksame Reaktion erzielt werden kann – ob mit oder ohne Corona-Bonds.

von Florian Bauer

Europäische Distanzierung während der Corona-Krise

Der Ausbruch von COVID–19 in der Europäischen Union offenbart, dass die Nationalstaaten in Zeiten der Krise immer noch das Maß aller Dinge sind. Viele Länder haben ihre Grenzen ganz oder teilweise geschlossen. Gesamteuropäische Strategien bleiben bislang aus. Eine Analyse.

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In der Nacht zu Freitag, dem 13. März, landete ein chinesisches Flugzeug in Rom. An Bord befanden sich medizinische Hilfsgüter, von der Gangway stiegen Expert*innen aus China mit Atemmasken. Sie eilten Italien zu Hilfe, dem europäischen Land, das momentan am meisten Todesfälle durch das Coronavirus zu verzeichnen hat. So dringend diese Unterstützung benötigt wird, so hoch sie anzurechnen ist, das Bild des chinesischen Flugzeugs auf dem Rollfeld in Rom ist auch eine Bankrotterklärung europäischer Solidarität in Zeiten der Corona-Krise. Jetzt werden nationale Grenzen geschlossen und medizinisches Material für das eigene Land reserviert. An Stelle dessen würde aber eine länderübergreifende Strategie der Europäischen Union ein starkes Zeichen setzen.

Die europäische Stimme fehlt

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hielt, nachdem auch in seinem Land die Corona-Fälle stark angestiegen waren, eine Ansprache an die französische Nation. Mediziner*innen seien „Held*innen in weißen Kitteln, ihr einziger Kompass in diesen Tagen die Humanität“. Frankreich müsse zusammenhalten und seine Einheit unter Beweis stellen, man werde alles tun, um die Krise zu überwinden. Ein deutliches Signal an die Grande Nation. Macron beherrscht es, große Reden voller Pathos zu halten, was sicherlich nicht zu jedem Typ Politiker*in passt.

Dennoch fällt auf: Ein Zeichen, gemeinsame Verantwortung in der Europäischen Union zu übernehmen und eine gesamteuropäische Strategie schnell zu initiieren, konnte man bislang aus der EU-Politik nicht vernehmen – eine laute, europäische Stimme fehlt. Die Bereitstellung von 25 Milliarden Euro, welche die EU als Wirtschaftshilfen beschlossen hat, ist immerhin ein erster Schritt. Eine weiterführende, koordinierte Zusammenarbeit lässt jedoch auf sich warten, stattdessen fallen die Mitgliedsstaaten in nationalen Eigennutz zurück.

Nationale Egoismen statt europäischer Zusammenhalt

Viele Länder in Europa haben inzwischen Grenzschließungen vorgenommen oder Ausfuhrbeschränkungen beschlossen. Von Italien dürfen beispielsweise nur noch bestimmte Personengruppen nach Österreich einreisen: Österreicher*innen bzw. Menschen mit Wohnsitz in Österreich, die sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben, Personen, die ein aktuelles ärztliches Gesundheitszeugnis mit sich führen, und Menschen auf der Durchreise. Auch in Slowenien gelten derartige Bestimmungen. Dänemark hat seine Grenzen zu Deutschland geschlossen; Polen, Tschechien und die Slowakei verhängten einen Einreisestopp für Ausländer. Ähnliche Regeln gelten in Ungarn und Rumänien. Ebenso beschloss Deutschland einen Einreisestopp unter anderem aus Frankreich. Einige Staaten setzten zudem zunächst ein Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung in Kraft.

All diese Maßnahmen sind nachvollziehbar und doch offenbaren sie eines: Die nationalen Grenzen sind immer noch oberstes Maß in der Krisenbekämpfung. Nicht etwa, was schließlich auch denkbar wäre, eine länderunabhängige Festlegung von Risikogebieten in ganz Europa und koordiniertes Vorgehen nach fachlichen Kriterien. Denn dass europäische Kooperation in der Medizin gut funktionieren kann, zeigt das Beispiel der Organspende: Leben werden hierdurch in der EU längst über nationale Grenzen hinweg gerettet.

Solidarität einer europäische Bürger*innengesellschaft

In der Krise zeigt sich unser Charakter, wusste der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt. Jetzt ist es auch an der europäischen Bürger*innengesellschaft, in dieser Krise zu zeigen, dass sie Solidarität in den Vordergrund stellt und ihre pro-europäische Haltung bewahrt. Hoffnung machen die Bilder der Italiener*innen, die jede*r für sich auf ihren Balkonen gemeinsam singen. Die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi appellierte gar an die Bürger*innen der Stadt, sich an den Fenstern ihrer Wohnungen zu zeigen, um zusammen Musik zu machen. Das löst auch in anderen Staaten Verbundenheit und Begeisterung aus.

Als wirksamstes Mittel gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie empfehlen Expert*innen soziale Distanzierung: Jede*r Einzelne solle sich überlegen, ob er*sie noch zu Veranstaltungen geht, ob jedes Treffen wirklich nötig ist und ob Reisen unternommen werden müssen. Eine europäische Distanzierung, eine Rückkehr zum Egoismus der Nationalstaaten, ist jedoch wenig wirksam gegen das Virus und könnte die Europäische Integration zurückwerfen – auch nachdem wir die Krise überstanden haben.

von Joris Duffner

Das kann Symbolpolitik: EU in die NRW-Landesverfassung!

Dem bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands fehlt bis heute ein Verfassungsbekenntnis zur Europäischen Union. Die Jungen Europäischen Föderalisten NRW fordern deshalb mit ihrer Kampagne #EUindieVerfassung, dies schleunigst zu ändern – getreu dem Motto: Europa nicht nur im Herzen, sondern auch in der Verfassung. Kritiker*innen argumentieren, das Bekenntnis habe nur Symbolwert. Kampagnenleiterin Louisa von Essen findet: Dieses Argument hinkt. Ein Kommentar auf treffpunkteuropa.de.

Unser Online Magazin treffpunkteuropa.de hat im März einen Artikel zu unserer Verfassungs-Kampagne veröffentlicht:

Dreizehn der sechzehn deutschen Bundesländern haben sich in ihrer Landesverfassung zu Europa bekannt oder einen Bezug zu Europa verankert. NRW gehört nicht dazu – obwohl die EU und die europäische Einigung in kaum einem Bundesland so präsent sind wie hier. Mit unseren direkten Nachbarländern Belgien und den Niederlanden profitieren wir vom Schengener Abkommen unmittelbar vor unserer Haustür. Die EU hat zudem den Strukturwandel in Kohle- und Stahlindustrie vorangetrieben und uns zu dem vielfältigen, wettbewerbsfähigen und kulturell attraktiven Bundesland gemacht, das wir heute sind.

Vor 50 Jahren sah das im Ruhrgebiet noch ganz anders aus. Nach dem Einbruch der Kohle- und Stahlindustrie mussten sich große Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft umrüsten auf den Bildungs- und Dienstleistungssektor. Nach und nach wurden Universitäten gebaut und die stark belastete Natur regeneriert. Heute unterhält NRW eine eigene Vertretung in Brüssel, ist Mitglied im Ausschuss der Regionen und hat einen eigenen Europa-Minister. Nach außen zeigt unser Bundesland also ganz klar was unserer Verfassung noch fehlt: ein klares Bekenntnis zur EU und zu ihren Institutionen.

Alles nur Symbolpolitik?

Nun könnte man argumentieren, dass wir als Bundesland durch die Normenhierarchie – EU-Recht, Bundesrecht, Landesrecht – bereits von dem EU-Bekenntnis in Artikel 23 des Grundgesetztes gedeckt sind. EU-feindliche Stimmen, wie jene der AfD, könnten im Landtag also nicht einmal gegen die EU vorgehen, wenn sie große Mehrheiten hätten. Ein zusätzliches Bekenntnis in unserer Landesverfassung wäre somit lediglich Symbolpolitik und faktisch unnötig. Dass wir mit dieser Kritik konfrontiert werden könnten, davor hat uns auch der Präsident des NRW-Landtags André Kuper gewarnt. Diese Kritik ist jedoch zu einfach gedacht.

Symbolpolitik war immer schon zentraler Bestandteil politischen Handelns. Das betont auch der Politikwissenschaftler Ullrich Sarcinelli gegenüber der Deutschen Welle. Natürlich kann man symbolisches Handeln als „mehr Schein als Sein“ und verwerflich ansehen, wenn dadurch echtes politisches Handeln ersetzt wird. Nicht unterschätzen sollte man jedoch, wie stark der Einfluss von Symbolen auf unser Denken und unser Verständnis von Realität ist. Gemäß dem amerikanischen Soziologen G.H. Mead: Der Mensch erschließt sich seine Welt über symbolische Bedeutung.

Symbolik: Das haben Ballermann und #MeToo gemein

Zum einen sind Verfassungen aber keinesfalls nur symbolischer Natur, sie legen das juristische Fundament unserer Gesellschaft fest. Damit fungiert unsere Landesverfassung nicht nur als symbolischer Ausdruck unserer Grundwerte und Normen, sondern schreibt rechtlich-bindend fest, wie unser Zusammenleben gestaltet wird und werden darf. Das geht über einfache Symbolpolitik hinaus.

Zum anderen hat Symbolpolitik heute eine extreme Reichweite durch ihre Strahlkraft in sozialen Medien und weltweiten Netzwerken. Kaum eine politische Bewegung kommt ohne sie aus, denn wir stellen durch Symbolik auch geteilte Identität dar. Seien es Regenbogenfarben auf Pride-Paraden, Bierkönig-Shirts als Ausdruck der Liebe zum Ballermann oder das Tragen von Schwarz bei den Golden Globes und Oscars 2018 zur Solidarisierung mit der MeToo-Bewegung. Durch Symbole sagen wir: „Hey, das ist mir wichtig und davon bin ich ein Teil!“ Gleichzeitig rücken wir damit Themen auf die gesellschaftliche Agenda. Wir regen zum Nachdenken und Mitmachen an, schaffen Widererkennungswert.

Eben an dieser mitreißenden Symbolik fehlt es der EU an vielen Stellen noch. Politik und Wissenschaft beschreibt dies als „Fehlen einer europäischen Identität“ und als Pochen auf bestehende nationale Identitäten – auf unsere Sprache, Traditionen und lokale Kultur. Unsere Verfassungen sind Ausdruck unserer Identität. Sie beschreiben die zentralen Grundwerte und Regeln unserer Gesellschaft, an denen wir das Verhalten des Einzelnen messen. Wenn wir Identität europäisch denken möchten, warum dann nicht mit unserer Landesverfassung anfangen?

Das EU-Bekenntnis als Gesellschaftsauftrag

Das Thomas-Theorem besagt: Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real. Mit einem Bekenntnis in unserer Landesverfassung können wir der EU mehr Realität verschaffen. Unsere Aufgabe als junge Proeuropäer*innen ist es, der Gesellschaft zu vermitteln, an welchen Stellen die EU unser Leben besser macht und kaum mehr weg zu denken ist. In NRW ist das eine ganze Menge: Grenzen zu Belgien und in die Niederlande zu überqueren, ist für viele von uns alltäglich. Milliardenbeiträge schaffen in Form von EU-Fördergeldern attraktive Stadtbilder und Kulturzentren. Die EU unterstütz Integrations- und Bildungsprojekte wie das Arbeitslosenprojekt „BIWAQ“ in Oberhausen oder das „Netzwerk Kinderbetreuung in Familien Bonn“. Auch auf dieses Bewusstmachen zielt unsere Kampagne ab.

Mit einem Bekenntnis zur Europäischen Union in unseren Landesverfassungen machen wir deutlich, dass wir nicht nur ein Teil Europas sind, sondern uns auch in NRW als Europäer*innen fühlen. Wir zeigen, dass wir uns der Herausforderung „Europäische Einigkeit“ stellen und uns nicht von Fehlschlägen wie Eurokrise und Brexit entmutigen lassen. Wir sagen anti-europäischen Kräften und Rechtspopulist*innen den Kampf an – nicht nur im Landtag, sondern auch in der täglichen Auseinandersetzung. Und wir solidarisieren uns mit EU-Bürger*innen in ganz Europa.

von Louisa von Essen

Corona-Virus: Vorerst keine Treffen und Veranstaltungen der JEF Bochum/Dortmund

Auch wenn wir sonst große Anhänger von Treffen und Austausch über diverse Grenzen hinweg sind, nehmen auch wir die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus ernst und wird es vorerst keine Treffen und Veranstaltungen der Jungen Europäischen Föderalisten in Bochum und Dortmund geben.

Wir hoffen auf eurer Verständnis.

Sobald es wieder Entwarnung gibt und neue Treffen geplant werden, informieren wir euch hierüber hier auf unserer Webseite, auf Facebook (JEF Bochum-Dortmund) oder Instagram (@jef.bochum_dortmund).

Passt auf euch und eure Mitmenschen auf und bleibt gesund!