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Unser Kampagnenerfolg!

Kampagne der Jungen Europäischen Föderalisten NRW und Europa-Union NRW führte zu Verfassungsänderung in Nordrhein-Westfalen

Mit dem am Donnerstag, den 25.06.2020 beschlossenen Gesetzesentwurf für ein Bekenntnis zur EU wurde Artikel 1 der Landesverfassung NRWs geändert. Das konsequent verfolgte Ziel der Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) NRW e.V. und Europa-Union NRW e.V. wurde damit erreicht.

„Ich freue mich sehr, dass unser Vorhaben ‚Europa nicht nur im Herzen – sondern auch in der Verfassung‘ jetzt Realität geworden ist“, betont Joris Duffner, Vorsitzender der JEF NRW. „Ich möchte mich herzlich bei allen pro-europäischen Fraktionen des Landtags sowie den entsprechenden Jugendparteien für die Unterstützung unseres Anliegens bedanken. Gleichzeitig ist es nun an allen politischen Akteuren, dem Verfassungsbekenntnis Taten folgen zu lassen und auch zukünftig pro-europäische Politik in NRW umzusetzen.“

Nach zahlreichen Gesprächen der JEF NRW und Europa-Union NRW mit Parlamentariern kam im Mai schließlich ein gemeinsamer Gesetzentwurf aller pro-europäischen Fraktionen zustande, der nun verabschiedet wurde. „Wir sehen hiermit, dass sich bürgerschaftliches Engagement in Nordrhein-Westfalen lohnt“, lobt Dietmar Brockes (FDP), Vorsitzender des Ausschusses für Europa und Internationales, die Initiative von JEF und Europa-Union.

Geburtstagsgeschenk für NRW-Landesverfassung

Hintergrund: Europa spielt eine zentrale Rolle in Nordrhein-Westfalen und Nordrhein-Westfalen ist ein wichtiger Teil Europas. Dennoch fehlte bis heute ein klares Bekenntnis zur Europäischen Union in der Landesverfassung. Lediglich Hamburg und Berlin haben nach der Verfassungsänderung in NRW nun stets noch kein EU-Bekenntnis in ihren Verfassungen. Die Änderung in Nordrhein-Westfalen kam pünktlich zum 70. Geburtstag der NRW-Landesverfassung. „Ein passenderes Geburtstagsgeschenk für unsere Verfassung hätte ich mir nicht wünschen können“, freut sich die Kampagnenbeauftragte und stellvertretende Vorsitzende der JEF NRW, Louisa von Essen.

Social-Media-Kampagne zeigte NRW von seiner europäischen Seite

Neben den Hintergrundgesprächen mit Politikern des Landes haben JEF NRW und Europa-Union NRW unter dem Motto „Europa nicht nur im Herzen – sondern auch in der Verfassung“ eine Kampagne auf ihren Facebook-, Twitter- und Instagram-Kanälen gestartet, um eine möglichst breite Öffentlichkeit für das Vorhaben zu gewinnen und zu begeistern. Es wurden ausgewählte Motive aus dem ganzen Bundesland präsentiert, die einen besonderen Europabezug haben. Und davon gibt es in NRW nicht zu wenige: Vom Denkmal für Ludwig van Beethoven in Bonn, über das Bergbau-Museum in Bochum und das Dortmunder U bis hin zum historischen Rathaus in Münster.

     

Den Worten Taten folgen lassen

Nachdem der neue Artikel 1 der Landesverfassung NRWs zu einer grenzüberschreitenden Kooperation sowie der Mitarbeit an einem vereinten Europa gleich zu Beginn der Verfassung auffordert, ist es nun an allen pro-europäischen Kräften des Bundeslandes, der Gesetzesnovelle Taten folgen zu lassen und es nicht bei einem symbolischen Akt zu belassen. „Die Worte müssen nun mit Leben gefüllt werden“, fordert Louisa von Essen. „Das gilt zum einen für alle pro-europäischen Politikerinnen und Politiker, aber auch für Unternehmen, Verbände und Akteure der Zivilgesellschaft – von Bonn bis Münster, von Paderborn bis Aachen!“

An Autocrat among us – How could the EU best handle Orbán?

Wie ist die Demokratie in Ungarn in die Binsen gegangen? Wie können wir Ungarn helfen, sie zurückzubekommen? Und was bedeutet es, einen nicht mehr demokratischen Staat in der EU zu haben?

Diese Fragen diskutierten die JEF NRW am 26. Mai in einer Online-Ausgabe des Formats „Discuss Europe“ mit vier engagierten, internationalen Gästen.

Wie ist die Demokratie in Ungarn in die Binsen gegangen? Wie können wir Ungarn helfen, sie zurückzubekommen? Und was bedeutet es, einen nicht mehr demokratischen Staat in der EU zu haben?

Diese Fragen diskutierten die JEF NRW am 26. Mai in einer Online-Ausgabe des Formats „Discuss Europe“ mit vier engagierten Gästen. Eszter Nagy, Vorsitzende der Union Europäischer Föderalisten Ungarn und ehemalige Diplomatin war nicht nur eine unserer Gäste, sondern auch eine große Unterstützung bei der Vorbereitung der Veranstaltung. Mit ihr diskutierten drei Mitglieder des Europäischen Parlaments: Vizepräsidentin Klára Dobrev (S&D) aus Ungarn, Terry Reintke (Grüne/EFA) und Lena Düpont (EVP). 

In der Diskussion wurde deutlich,, dass wir als EU den Ungarn nicht nur Schutz vor einer immer machthungrigeren Regierung versagen Vielmehr unterstützen wir die Ambitionen dieser Regierung sogar, indem wir ihr die Freiheit lassen, Fördermittel aus unserem EU-Haushalt zu verwalten – Orbán regiert quasi mit unseren Steuergeldern. Gleichzeitig gestalten sich Sanktionierungsmöglichkeiten aufgrund des Einstimmigkeitsprinzip im Europäischen Rat schwierig. Hier waren sich unsere Gäste grundsätzlich einig: es müssen institutionelle Reformen diskutiert und das Rechtsstaatsverfahren modifiziert werden Lena Düpont stellte klar, dass der Konferenz zur Zukunft Europas dabei eine entscheidende Rolle zukommen kann. Klára Dobrev, selbstkennend eine europäische Föderalistin, schloss die anderthalbstündige Debatte mit deutlichen Worten und einem Auftrag zugleich: „Wir alle als europäischen Demokrat*innen sind gefragt, mutig und überzeugend für die demokratischen Werte einzutreten und den europäischen Gedanken zu teilen.“ Dies sei die größte Unterstützung für alle Demokrat*innen in Ungarn.

Die JEF NRW freute sich über ausgesprochen interessierte und europäische Teilnehmer*innen und wird den Austausch mit der UEF Ungarn zukünftig intensivieren.

 

Terry Reintke
Eszter Nagy

Klára Dobrev
Lena Düpont

Europa verbindet: Fraktionen im Landtag wollen das Verfassungsbekenntnis

Heute haben alle Fraktionen im Landtag, mit Ausnahme der AfD, einen gemeinsamen Gesetzesentwurf veröffentlicht, der ein Bekenntnis zu Europa und zum Stellenwert der europäischen Idee in NRW, in Artikel 1 der Landesverfassung vorsieht. Für uns ist das ein großer Erfolg unserer Kampagne und ein großartiges Signal für Europa – ein Versprechen für noch mehr europäische Zusammenarbeit in der Zukunft!

Der künftige Artikel 1 (3) der Landesverfassung sieht, ähnlich dem Vorschlag der JEF-NRW und der EUD-NRW, folgendes vor:

„Nordrhein-Westfalen trägt zur Verwirklichung und Entwicklung eines geeinten Europas bei, das demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und föderativen Grundsätzen sowie dem Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet ist, die Eigenständigkeit der Regionen wahrt und deren Mitwirkung an europäischen Entscheidungen sichert. Das Land arbeitet mit anderen europäischen Regionen zusammen und unterstützt die grenzüberschreitende Kooperation.“

Gesetzesentwurf Art. 1 (3) Landesverfassung NRW

Für uns als Junge Europäische Föderalisten NRW und Europa-Union NRW bedeutet das: Es hat sich gelohnt, mit den Fraktionen im Rahmen unserer Kampagne „Europa nicht nur im Herzen, sondern auch in der Verfassung“ für ein Verfassungsbekenntnis in Kontakt zu treten, um dieses Anliegen gemeinsam zu verwirklichen. Für uns als Europäerinnen und Europäer ist jedoch fast noch entscheidender, dass die Europäische Idee fraktionsübergreifend verbindet. Es ist den Fraktionen gelungen, gemeinschaftlich einen Gesetzesentwurf zu erarbeiten, den alle pro-europäischen Parteien im Landtag unterstützen. Als überparteilicher Verein wissen wir, wie wichtig es ist zusammen zu arbeiten, wenn es um unsere Grundprinzipien geht!

Besonders unter den Eindrücken der Corona Krise, die Konflikte und Misstrauen unter den Mitgliedstaaten der Europäischen Union hervorgebracht hat, ist ein solches, gemeinschaftliches Bekenntnis zu Europa umso wichtiger und ein starkes Zeichen für die europäische Idee in Nordrhein-Westfalen!

„Hearts and minds need to be won for the European Idea again“, so appellierte Joris Duffner, Landesvorsitzender der JEF NRW und Mitglied im Landesvorstand der EUD NRW in den vergangenen Tagen an uns alle. Deshalb ist es mit dem Bekenntnis zu Europa in der Verfassung natürlich noch lange nicht getan.

Wir müssen jetzt zeigen, dass wir den neuen Inhalt von Artikel 1 auch wirklich ernst nehmen: In dem wir Solidarität zu unseren Nachbarländern in Europa zeigen und an grenzüberschreitenden Lösungen arbeiten. In dem wir weiter in NRW deutlich machen, welchen Mehrwert es hat, Teil eines geeinten Europas zu sein. Und in dem wir Europa stärken und weiterentwickeln, sodass wir zukünftigen Herausforderungen gewachsen sind – hier in NRW aber auch in ganz Europa! Der Gesetzesentwurf zum Europabekenntnis in der Landesverfassung ist für uns die Bekräftigung, dass wir in NRW gemeinschaftlich und überparteilich an einem zukunftsfähigen, solidarischen und selbstbewussten Europa arbeiten. Auch das ist Teil unserer Kampagne, welche wir auch über den Beschluss des Gesetzes hinaus nutzen wollen um in NRW zu zeigen: wir leben Europa.

Reconnect Europe! – Online Discuss Europe mit Dr. Constantin Schäfer

Am 19.05.2020 haben wir, die JEF Münster und JEF NRW, einen Online Discuss Europe mit Dr. Constantin Schäfer vom Institut für Politikwissenschaften an der WWU Münster durchgeführt. Thematisch ging es dabei um das Forschungsprojekt RECONNECT Europe an dem Herr Schäfer mitarbeitet und uns exklusive Einblicke gewährt hat.

Das Forschungsprojekt RECONNECT über Reconciling Europe with its Citizens through Democracy and the Rule of Law ist ein über mehrere Jahre laufendes Projekt an dem 18 akademische Partner aus 14 Ländern und den unterschiedlichsten Disziplinen mitwirken. In Münster fokussiert sich die Forschung darauf, wie die europäischen Bürger*innen zu Reformen in der EU und zum europäischen Integrationsprozess stehen. Insbesondere geht es auch darum Empfehlungen für die EU abzuleiten. Neben Dr. Constantin Schäfer sind auch Prof. Bernd Schlipphak und Prof. Oliver Treib an dem Forschungsprojekt in Münster beteiligt.

Wir hatten das Glück den Fragebogen, der Teil des Forschungsprojektes ist, schon im Vorfeld zur Verfügung gestellt zu bekommen und daran teilzunehmen. In seinem Vortrag ist Herr Schäfer dabei auf die methodischen Begebenheiten des Fragebogens eingegangen und konnte schon erste Ergebnisse präsentieren, die im Rahmen eines Testlaufs mit Studierenden durchgeführt wurden. Außerdem konnten wir natürlich die Auswertung unserer eigenen Teilnahme besprechen. Als vorbildliche JEFer*innen haben die Teilnehmenden bei den Kontrollfragen zum Wissen der EU natürlich sehr gut abgeschnitten! In nächster Zeit wird der Fragebogen an EU-Bürger*innen in ausgewählten, europäischen Ländern geschickt.

Im Anschluss stellte sich Herr Schäfer den Fragen der Interessierten. Als kritische Europäer*innen mit der festen Vision eines föderalen Europas haben wir ausgiebig darüber diskutiert wie man die europäischen Bürger*innen „reconnecten“ kann. Neben statistischen und methodischen Fragen z.B. über Sprachbarrieren oder das Erfordernis der Angabe des nichtbinären Geschlechts, wurde auch über die europäische Zusammenarbeit in der Forschung diskutiert und wie das EU-finanzierte Projekt von Brüssel aus gesehen wird. Insgesamt konnten wir mit Sicherheit Erkenntnisse für unsere eigene Arbeit in der Zivilgesellschaft gewinnen!

Wir danken Herr Schäfer für einen spannenden Vortrag und eine aufschlussreiche Diskussion!

Liebes Bundesverfassungsgericht, etwas mehr Vertrauen in Europa würde uns gerade jetzt guttun!

Wie es dazu kommen kann, dass das Bundesverfassungsgericht inmitten der größten europäischen Krise der letzten Dekaden ein (zu politisches) falsches Zeichen setzt und Schritte zu einem “Mehr” an Europa ausbremst – Und: Was wir daraus als JEF lernen können.

Mit seinem EZB-Urteil vom 5. Mai 2020 hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG), zum ersten Mal überhaupt eine Entscheidung eines EU-Organs als Kompetenzüberschreitung (eine “ultra-vires-Handlung”) eingestuft. 

Auch wenn das konkrete strittige Thema – das Programm der Europäischen Zentralbank (EZB) zum Ankauf von Wertpapieren des öffentlichen Sektors an den Sekundärmärkten (PSPP: Secondary Markets Public Sector Asset Purchase Programme) abstrakt klingen mag und wohl nicht bei allen JEFer*innen auf der europäischen Agenda weit oben steht, hat das Urteil eine weitreichende Ausstrahlungswirkung auf die politischen Forderungen der JEF und das Institutionengefüge zwischen Deutschland und der EU. 

Es steht nun nicht weniger im Raum als womöglich ein Vertragsverletzungsverfahren – ja genau, jene Möglichkeit der Direktklage durch die Kommission, die gegenüber Polen und Ungarn schon vor einigen Jahren eingeführt wurden. Ins Spiel gebracht wurde diese mögliche Option durch Niemand geringeres als Ursula von der Leyen selbst: 

Das letzte Wort zu EU-Recht wird immer in Luxemburg gesprochen. Nirgendwo sonst. (…) Wir analysieren derzeit das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Detail. Und wir prüfen mögliche nächste Schritte, welche auch die Option von Vertragsverletzungsverfahren umfassen könnten.”

Ursula von der Leyen

Wir wollen uns an dieser Stelle gar nicht so sehr mit der inhaltlichen Fragestellung des Urteils rund um die EZB befassen, sondern vielmehr einen Blick darauf werfen, wie das BVerfG die Entwicklung hin zu einer immer engeren Union gefährdet und die deutsche Überheblichkeit in Europa einmal mehr unter Beweis stellt.

Wie kann es denn überhaupt soweit kommen, dass ein deutsches Gericht dem Handeln von EU-Organen, namentlich der EZB und daneben noch dem höchsten Gerichtshof der EU – dem EuGH -, eine solche Absage erteilen konnte (“schlechterdings nicht mehr nachvollziehbar”)? Gilt nicht eigentlich der Grundsatz EU-Recht (und damit auch Rechtsprechung) vor nationalem Recht? So sollen sowohl europäische Rechtsnormen, als auch europäische Rechtsprechung in der ganzen EU im Sinne ihrer bestmöglichen Wirkungskraft und Akzeptanz Anwendungsvorrang genießen – sie müssen schlichtweg befolgt und umgesetzt werden, auch wenn nationales Recht gegenläufig wäre.

Nicht aber mit dem Bundesverfassungsgericht.
Im Sinne einer “europarechtsfreundlichen” Auslegung des deutschen Grundgesetzes entwickelte es zwei Ausnahmen vom Grundsatz des Anwendungsvorrangs. Wenn man so will, behielt es sich also in zwei, bis dato noch nie vorgekommenen Fällen, vor, das letzte Wort zu haben: 

  • In der sog. Identitätskontrolle 
  • Bei der sog. Ultra-Vires-Kontrolle 

Beide rechtlichen Konstrukte gehen auf das Urteil des BVerfG zurück, das sich mit dem Vertrag von Lissabon, dem bislang wichtigsten Vertrag des europäischen Einigungsprozesses, von 2009 auseinandersetzte.  Um den unantastbaren Kern des deutschen Grundgesetzes, worunter das BVerfG die Menschenwürde und die Staatsstrukturprinzipien (Demokratieprinzip, Bundesstaatlichkeit, Sozialstaatlichkeit und Rechtsstaatlichkeit) fasst, auf ewig zu schützen, entwickelte das Gericht konkrete Grundsätze zur Zulässigkeit weiterer Integrationsmaßnahmen in Europa. Verletzt eine EU-Regelung eine dieser identitätsstiftenden Kategorien und ihrer Ausformungen, so kann das BVerfG im Rahmen der Identitätskontrolle die eigentlich vorrangig geltende Regelung am Maßstab des Grundgesetzes für unanwendbar erklären. 

Der zweite Kontrollvorbehalt, die Ultra-Vires-Kontrolle, soll prüfen, ob das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung eingehalten wird. Danach darf die EU politisch und gesetzgeberisch nur dann tätig werden, wenn sie durch die Verträge und letztlich die “Herren der Verträge” (= Mitgliedstaaten) ausdrücklich hierzu ermächtigt wurde. Wird dieses Prinzip verletzt, überschreitet ein Unionsorgan also seine Kompetenzen, so kann ein solcher Akt Ultra Vires (“jenseits der Gewalten”) in Deutschland für unanwendbar erklärt werden. Ein solcher Kompetenzverstoß muss sich aber – in den Worten des BVerfG in einem Beschluss von 2010 – “auf Sachbereiche erstrecken, die zur (…) Identität der Mitgliedstaaten zählen oder besonders vom demokratisch[en] (…) Prozess in den Mitgliedstaaten abhängen” und auch muss diese Sachfrage zuvor schon dem EuGH vorgelegt worden sein, dem dabei sogar ein “Anspruch auf Fehlertoleranz” zugesprochen wird. 

Genau letzterer Fall ist beim EZB-Urteil angenommen worden: Nachdem der EuGH angefragt wurde und das PSPP-Programm für europarechtskonform hielt, befand das BverfG das Handeln der EZB dennoch für ultra vires. Die Ultra-Vires-Kontrolle wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich inhaltlich detailliert ausgearbeitet und blieb – entsprechend des oben genannten Wortlauts sehr vage umschrieben. Durch das EZB-Urteil legte sich das BVerfG nun erstmals inhaltlich fest, wann es eine Handlung ultra vires sehen will: In der Geld- und Währungspolitik. 

Moment: In Geld- und Währungspolitik? Also in den Maßnahmen der EZB, jener Zentralbank, die als die unabhängigste der Welt gelten soll und die Souveränität dafür innehat, für die Stabilität des Euro zu sorgen? 

Wenn schon im Herzstück der europäischen Integration und im Kerngebiet vertraglich zugesicherter europäischer Souveränität schon ein Akt ultra vires vorliegen kann, wo dann noch? Können nun nicht theoretisch alle EU-Rechtsakte, die nur ein wenig Mut und Wille hin zu einem “Mehr” an Integration zeigen, politisch richtungsweisend sowie gewollt  und sogar durch den EuGH abgesegnet sind, einfach durch das BVerfG kassiert werden? 

Und welches Zeichen sendet dies an Länder wie Polen und Ungarn, gegen die der EuGH inzwischen schon mehrere Urteile gesprochen hat und deren Aufforderungen sie bis heute nicht nachgekommen sind? Kann sich nun jedes Land aussuchen dürfen, wann es dem Anwendungsvorrang des Unionsrechts  – also: der Bindungswirkung von EuGH-Urteilen – Folge leistet und wann es den nationalen Interessen doch nicht passt? 

Das ist mehr als bedenklich und kann ganz und gar nicht im Sinne der immer fortwährenden Integration, für die wir als JEF einstehen, sein! Die Abweisung an ein “Mehr” an europäischer Integration kann eine nicht zu unterschätzende Sprengkraft für die europäische Zukunft und das Verhältnis zwischen Deutschland und der Union haben.

Die EZB steckt nämlich nun in der Zwickmühle: Sie muss dem Urteil des BVerfG gar nicht Folge leisten, da sie nicht unter dessen Jurisdiktion fällt. Folgt aber binnen drei Monaten nicht eine Begründung der Verhältnismäßigkeit des PSPP, so wäre Deutschland nach dem BVerfG verpflichtet, aus dem Programm auszusteigen. Die EZB, die einst unabhängigste Zentralbank der Welt, wurde also zum Spielball der Gerichte. 

Dies hätte gerade in der aktuellen Krise weitreichende Folgen: Nachdem man sich bislang nicht auf Vorstöße wie gemeinsam ausgegebene Anleihen einigen konnte, und stattdessen zusätzliche Investitionen der EZB in Höhe von 120 Milliarden Euro in die bereits laufenden Kaufprogramme sowie eine Beteiligung in Höhe von 750 Milliarden Euro beim Corona-Notprogramm PEPP ins Leben rief, wird deutlich, dass die dynamischen Mittel der EZB nicht mehr alleine das Mittel europäischer Reaktion auf finanzielle Krisen sein können. Wenn man sich aber auf Regierungschef-Ebene nicht auf solidarische, einheitliche Mittel einigen kann, so bleiben sie wohl oder übel als letztes Mittel übrig. Insofern ist der Französisch-Deutsche Vorschlag eines europäischen Wiederaufbaufonds im Umfang von 500 Milliarden Euro vom 18. Mai zwar begrüßenswert, jedoch ist es angesichts der dafür benötigten Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten sehr zweifelhaft, ob Länder wie Österreich, die Niederlande oder Schweden dem zustimmen werden. Dass sich EZB-Chefin Christine Lagarde für diesen Plan ausspricht, dass Frankreich Deutschland erst sehr spät zu einem solchen Schritt bewegen konnte, und dass die genannten Länder noch immer vehementen Widerspruch ausdrücken, zeigt was für einen Keil das EZB-Urteil in die solidarische Zusammenarbeit bei der Reaktion auf die finanziellen Auswirkungen der Krise geschlagen hat und wie es bei der Suche nach Zeichen Europäischer Solidarität für Verunsicherung sorgt. 

Dennoch können wir nur hoffen, dass sich alle europäischen Staats- und Regierungschefs sich auf den Vorschlag eines europäischen Wiederaufbaufonds als “stärkstes Zeichen europäischer Solidarität” möglichst bald einlassen werden. Sollte dies nicht geschehen, so wird umso mehr deutlich werden, dass eine Absage des BVerfG an ein “Mehr an Europa” inmitten der Diskussion über europäische (und mangelnde deutsche) Solidarität und inmitten der Krise um Reaktionen auf den völlig unklaren Ausgang der Pandemie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kam. Ausgerechnet Deutschland könnte so Öl in das Feuer derjenigen gegossen haben, die einerseits schon immer eine grundlegende Skepsis gegen die EU und ihre Institutionen pflegten und die andererseits die Rolle Deutschlands als Lehrmeister Europas satt haben. 

Das BVerfG hätte vielmehr in Krisenzeiten betonen müssen: Europa ist die Antwort und nicht das Problem! Es hat ein völlig falsches Signal gesendet, das auch angesichts des neuen französisch-deutschen Vorschlags eines europäischen Wiederaufbaufonds mehr für Verwirrung und Zerwürfnisse zwischen den Mitgliedstaaten, als für europäische Einheit und Solidarität sorgt. Dafür können wir als JEF nicht einstehen! Allen voran das BVerfG hätte dafür zu sorgen, dass aus einer europäischen Krise nicht eine Krise Europas wird. Mehr Vertrauen in Europa hat sich auch in Krisenzeiten immer bewährt und kann völlig neue Wege eröffnen. Merkel und Macron haben gestern hierfür einen Schritt in die richtige Richtung gewagt: Man kann in dieser Krise auch mit Mut und Vertrauen vorangehen. Beides kann in Europa Berge versetzen, wofür wir als JEFer*innen seit Jahren eintreten.

Text von: Markus Tichy & Jana Büsing

A turning point in European history

We can’t be certain yet, if the corona epidemic in Europe is significantly slowing down or a second wave will be approaching. But good news from the European countries being hit hardest give us hope to some extent. As we see this silver lining we can recognize it as a sign for the European Union to turn back to the status quo, or to finally march on to towards a renewed Europe. The crisis can be a turning point in European history. For better or for worse. Only a light breeze could decide on which side the coin will fall, in the end. Just now, European federalists should not lose focus on their ends. It’s upon us all to act now!

Strong measures to ensure a future Europe fitter for crises 

As Young European Federalists in North-Rhine Westphalia, we first and foremost propose change in several fields of European policies, responding to the current crisis. In terms of fiscal policy, we see a joint borrowing system as an indispensable means. All member states are now called upon to cushion the economic slump through direct transfers and liquidity support.

Closed borders, we regard as a relic of the past with no real benefit in tackling coronavirus. They give us the illusion of control in the face of a situation that is difficult to predict, being merely are designed to reassure us and simulate the ability to act. 

EU approaches in healthcare came much too late, mainly due to the lack of institutional competence. We therefore call for extended European authority in health policy and the expansion of existing mechanisms and strongly needed harmonization of strategies and conditions across member states.

Furthermore, the European pillar of social rights must finally be adopted as legally binding for all EU member states. Crises like the corona epidemic must not be able to intensify already existing social inequalities among the member states.

Political leaders on every level and in every member state should be strongly urged to campaign for those and other measures. They need to realize, that only a joint European effort will pave the way into a strong future for the whole continent. However, adaptations as such can only be seen a first step towards greater institutional change in the future.

Targeted responses to new eurosceptic arguments

Although political reform is urgently needed, we are fully aware that it will not be enough. Hearts and minds need to be won for the European idea again. We will need to cope with a fair amount of new euroscepticism, the corona crisis and handling it throughout Europe has promoted. The right narrative, the one leading us into a truly European future, needs to be shaped. We will not downplay the failures and shortcomings of the European Union in its current shape, but actively address them. We will not glorify the EU and its’ institutions, but confidently direct the path for reform, for a Europe more democratic, more inclusive, and more united. 

To those criticizing a new European fiscal policy, arguing one would pay for one another in all over Europe, we say: That’s quite right, and we are gladly willing to support our fellow Europeans in countries in need. We will do so not only with thoughts and prayers, but with our taxpayers’ money.

Those feeling safer with closed borders, we ask: What borders do you really mean? Those around your town? Those around your district? Or those around European countries, differing a great deal in size and shape? To those wondering, why patients from Italy or France are getting healthcare in german hospitals, we simply reply: That should really not be any news at all. To those regarding the European Union unfit to tackle a crisis like this, we respond: Yes, it is not, in its current state. So let’s build a better Europe – the European Federation. We want to build it together with you!

 

„Das stärkste Instrument der Solidarität einsetzen!“

Der Offene Brief „Europäische Corona-Bonds jetzt!“ fordert die deutsche Bundesregierung auf, dem Vorschlag des italienischen Regierungschefs Giuseppe Conte und des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zuzustimmen, mit Corona-Bonds auf die Krise zu antworten. Initiiert hatte den Appell vor einigen Wochen der Autor und Publizist Jörg Bong gemeinsam mit Helge Malchow, Editor-at-large beim Verlag Kiepenheuer & Witsch und Regina Schilling, Kuratorin des Internationalen Literaturfestivals lit.COLOGNE. Jörg Bong ist einem breiten Publikum als ehemaliger Verleger der S. Fischer Verlage und durch seine Romane um Kommissar Dupin bekannt, die er unter dem Künstlernamen Jean-Luc Bannalec verfasst. Die Krimis wurden für die ARD verfilmt und erhielten mehrere Auszeichnungen. Im Interview mit Treffpunkt Europa erklärt er seine Beweggründe für den Offenen Brief, betont die Notwendigkeit einer Diskussion über die Ökonomie hinaus und plädiert für umfassendes zivilgesellschaftliches Engagement in der Krise.

Dieser Artikel erschien zuerst auf treffpunkteuropa.de

treffpunkteuropa.de: Herr Bong, was hat Sie angetrieben, den Offenen Brief für Corona-Bonds zu veröffentlichen?

Jörg Bong: Bereits in den letzten Jahren habe ich einen immer stärkeren Missmut über die nicht erfolgte, dabei eminent notwendige Vertiefung der europäischen Integration verspürt. Ein Schlüsselmoment stellte das Ausbleiben einer deutschen Antwort auf die weitgehenden Vorschläge Emmanuel Macrons zur Zukunft der EU dar, die er vor zweieinhalb Jahren in seiner Rede vor Studenten der Pariser Universität Sorbonne formulierte. Diesen Impuls nicht dezidiert aufgenommen zu haben, war höchst fahrlässig. In der aktuellen, durch die Corona-Pandemie ausgelösten Krisis, die Europa in lange nicht mehr gekannter Weise bedroht, ist die solidarische europäische Einheit nun noch dringender gefordert als je. In der Realität aber sieht es anders aus, das Denken und Handeln regrediert ins Nationale. Das ist fatal. Gerade jetzt müssen wir in Europa mit einer großen Entschiedenheit vorangehen, die „Flucht nach vorne“ antreten, die Anstrengungen einer weiteren, klugen Vereinigung im Moment der Bedrohung nochmals forcieren. In Hinblick auf die ökonomisch desaströsen Folgen der Krisis heißt das: Wir sollten der schlimmsten wirtschaftlichen Erschütterung seit dem zweiten Weltkrieg mit dem maximal stärksten verfügbaren finanzökonomischen Instrument innereuropäischer Protektion begegnen. Das bedeuten für uns die „Corona-Bonds“, sprich: gemeinsame von den Euro-Staaten ausgegebene Anleihen. Dabei sind wir nicht auf den Begriff, diese eine Idee, fixiert, wir meinen schlicht die effektivsten, weitreichendsten Mittel, die uns zur Verfügung stehen.

Man könnte jetzt sagen, es handelt sich um eine rein ökonomische Fragestellung, mit dem sich nur Finanzexperten beschäftigen sollten. Was entgegnen Sie?

Wo sind wir hingekommen, dass die Ökonomie unserer Gesellschaft bloß noch eine technische Frage von „Finanzexperten“ ist? Das ist bereits ein Teil der gegenwärtigen Krux. Die Ökonomie stellt die Grundlage einer Gesellschaft dar – damit ist sie per se eine elementare gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Über die wir alle zusammen – selbst ökonomische Aktiva – einen verantwortlichen Diskurs führen müssen. Natürlich mit den Experten – ein Hoch auf Experten! –, es gibt viele brillante Ökonomen, die ihren Gegenstand in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive reflektieren. Die Art und Weise, wie wir wirtschaften, beispielsweise mit der Natur oder Löhnen und Arbeitsbedingungen umgehen – das sind gesamtgesellschaftliche Fragestellungen. Wir alle haben das Recht, ja die Pflicht, mitzudenken. Wir über alles andere auch. Das ist Demokratie. Zudem sind die Folgen der Entscheidung über Corona-Bonds keineswegs eben nur wirtschaftlicher Natur, sondern gehen weit, weit darüber hinaus. Sie sind allgemein politisch, wieder: gesamtgesellschaftlich. Gesamteuropäisch. Wenn wir jetzt nicht eine maximal solidarische Haltung einnehmen und die Europäische Integration, das großartige europäische Projekt, massiv beschädigt werden sollte, betrifft das alles, nicht nur die Ökonomie.

Wie schätzen Sie Ihre politische Wirkung als Kulturschaffende, die den Offenen Brief angestoßen haben, ein?

Wir haben eine erhebliche Resonanz auf unsere Aktion erfahren, eine beachtliche Anzahl höchst anerkannter Mitstreiter für den Offenen Brief gefunden, darunter Friedenspreisträger, renommierte Autoren, renommierte Geistes- und Sozialwissenschaftler. Dennoch: Wir haben nicht angenommen, dass diese Initiative alleine etwas bewegt, das wäre vermessen. Wir sehen uns in einem Konzert von Stimmen, die gleiche oder ähnliche Forderungen äußern. Es haben sich diverse Initiativen und Appelle formiert, fabelhaft. Alle zusammen haben sie die Forderung lautstark in die Debatte getragen.

In der deutschen Bundesregierung – aber auch beispielsweise in den Niederlanden – wird gegen gemeinsame Anleihen damit argumentiert, sie würden falsche Anreize für einige Länder setzen. Ist da nichts dran?

Das ist eine komplizierte Diskussion, die bereits in der Eurokrise aufkam, als es um die „Euro-Bonds“ ging. Ich würde entgegnen, dass wir uns im Augenblick in einer kategorial anderen Situation befinden. Zudem ist das Ausmaß der Krisis noch einmal ein anderes; es ist derart gewaltig, dass es klug erscheint, das Mittel zu wählen, das den stärksten Schutz für die am stärksten betroffenen Staaten bietet. Und zwar bevor die Eigendynamik einer Abwärtsspirale für alle beginnt, der man nicht mehr Herr zu werden vermag. Dieses Mittel ist das einer gemeinsamen Anleihe. Ein stärkeres Signal können wir nicht geben.

Corona-Bonds sind also unverzichtbar in der aktuellen Krise, aber mit einer klaren Trennung zu langfristigen Euro-Bonds?

Richtig, Prämisse dafür wären weitere ökonomische und strukturell Konvergenzen wie angeglichene Steuer- oder Sozialstandards in Europa, da stimme ich mit vielen Kritikern simpler Euro-Bonds-Modelle überein. Ich würde mir aber wünschen, dass diese Diskussion unbedingt geführt wird. Wie gesagt, in meinen Augen ist in Europa in den letzten Jahren etwas Sträfliches passiert: Die Vertiefung ist ausgeblieben. Wenn wir weitere Angleichungen in der Wirtschaftspolitik, in denen das gemeinsame Agieren nach unserem Dafürhalten unbedingt verstärkt werden muss, erreichten, könnten auch langfristige Euro-Bonds zu einer festen Institution werden.

Könnten Corona-Bonds nicht auch rechtspopulistischen Parteien hierzulande, aber auch in ganz Europa, wieder in die Karten spielen?

Ich bin überzeugt, dass es sich genau umgekehrt verhält. Die historische Erfahrung zeigt: Wenn wir nicht offen, mutig, entschieden, offensiv und mit Enthusiasmus die Menschen für progressive Ideen zu gewinnen versuchen, dann gewinnen die Populisten. Man darf nie die Agenda und Ängste der Demagogen übernehmen, das funktioniert nie, man muss eine eigene Agenda setzen und Menschen davon zu überzeugen versuchen. In dem Fall jetzt: indem wir überzeugend darlegen, dass die Forderung nach maximaler internationaler Solidarität in Europa nichts mit naiver Europa-Schwärmerei zu tun hat, sondern einem ökonomischen, monetären, aber eben auch sozialen und kulturellen Realismus, ja gewissermaßen politischem Hyper-Realismus entspringt – und in vernünftiger Weise am Ende eben auch unser eigenes ökonomisches Interesse realisiert.

Was würde drohen, wenn die maximale Solidarität ausbliebe – wenn es keine Corona-Bonds gäbe?

Im allerschlimmsten Falle das Endes Euros und ein Zerfall der Europäischen Union. Die eben keine selbstverständliche, „natürliche“ Institution ist, sondern für jede Zeit und Generation aufs Neue eine beherzte Entscheidung verlangt. In Situationen wie der jetzigen sind ungeheure irrationale Kräfte am Werk, auch solche, die man lange nicht richtig sieht. Sie können in ihrer Wucht Dynamiken entfalten, die dann nicht mehr kontrollierbar sind.

Kann die Krise auch eine Chance für einen politischen Neustart in Europa sein?

Ich würde nicht bloß von der Chance für einen politischen Neustart in Europa sprechen, sondern von der Notwendigkeit. Der Notwendigkeit einer zügigen Vertiefung der Europäischen Union, die zwei entgegengesetzte, aber komplementäre Prinzipien realisiert: das gemeinsame Agieren auf einige zentralen Politikfeldern wie Verteidigung, Ökologie, Soziales und Ökonomie und radikale Regionalität wie Subsidiarität. Das Europa der Regionen und wunderbaren europäischen Pluralismen. Darin liegt unsere spezifische europäische Kraft. Aber Geschichte ist nie determiniert, solche großen Verwerfungen können in alle Richtungen gehen. Es kann Barbarisches aber auch Besseres aus einer solchen Krise entstehen. Deshalb ist jetzt das Engagement von jedem Einzelnen so wichtig. Ob wir diese Möglichkeit wahrnehmen, hängt nur von uns ab. Wenn das Engagement steigt, ist sehr viel möglich. Ich bin Rheinländer und damit Optimist. Reflektierter Optimist. Ich rechne nicht automatisch damit, dass es gut wird, gar nicht, eher im Gegenteil, aber ich glaube fest daran, dass es gut werden kann. Und das ist dann ein echtes Mandat.

Europa braucht einen neuen Kraftakt!

70 Jahre Schuman-Erklärung und ein Europatag, der anders als die vergangenen Jahre vonstattenging. Zwischen Feierlichkeiten und Skepsis. Zwischen Bedrohung und Aufbruch. Europa muss bereit sein für einen Wandel.

Der gestrige Europatag war unter zwei Gesichtspunkten ein besonderer. Einerseits jährte sich die Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 zum siebzigsten Mal. Normalerweise ein triftiger Grund zum Feiern. Andererseits haben sich die Zeiten geändert, nicht nur wegen Corona. Dass wir den Europatag nicht wie gewohnt mit Veranstaltungen, Straßenständen oder Workshops mit den Bürger*innen unserer Städte begehen konnte, ist die eine Sache. Die andere ist, dass die Errungenschaften des von Schuman maßgeblich mit initiierten Europas wie Demokratie, Frieden und Grenzenlosigkeit, bedroht sind wie nie zuvor. Dafür müssen wir nicht nur nach Ungarn oder Polen schauen: Der Blick zur deutsch-französischen Grenze reicht derzeit aus.

Schumans historische Rede legte den Grundstein für das heutige Europa

Rückblende: Am 9. Mai 1950 formuliert der damalige französische Außenminister Robert Schuman in seiner historischen Rede:

Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.

Diese Worte symbolisieren die Tragweite seines Vorschlags: Eine Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl als Grundlage für dauerhaften Frieden in Europa. Eine Zusammenlegung wirtschaftlicher Interessen, um den Lebensstandard aller zu erhöhen. Der Grundstein der heutigen Europäischen Union war gelegt. Was in den Jahrzehnten danach folgte, kann als weltweit einzigartig gewertet werden. Das Schaffen einer Gemeinschaft aus bis zu 28 Mitgliedstaaten, die auf den Grundwerten von Demokratie, Freiheit, Menschenrechten, Grenzenlosigkeit und Frieden gebaut ist. Eine Gemeinschaft, die vielen Menschen Europas neue Möglichkeiten eröffnet.

Errungenschaften sind bedroht: Wir müssen für unser Europa kämpfen!

In den Jahren sind Zweifel an den gemeinsamen Grundwerten laut geworden und Errungenschaften in den Hintergrund getreten. Der Brexit oder die Rechtsstaatlichkeitsverfahren gegen Ungarn und Polen sind einige Indizien. Die Corona-Krise tut das übrige, um das brüchige Fundament der EU offen zu legen. Grenzschließungen als erste Reflexe der Krisenbekämpfung, Exportstopps für medizinisches Material und die Furcht vor einer zunehmenden europäischen Integration durch gemeinsame Anleihen sind einige Symptome.

All dies muss uns wachrütteln, uns darauf aufmerksam machen, dass wir uns jeden Tag aufs Neue dafür einsetzen müssen, die Errungenschaften zu verteidigen. Und nicht nur das: Wir müssen Europa weiterdenken, neue Lösungen finden. Europa demokratischer und solidarischer machen. Legitimität durch Partizipation erreichen. In diesem Sinne darf auch die geplante Konferenz zur Zukunft Europas keine erneute Zuhörübung sein. Es muss eine ergebnisoffene Plattform unter der repräsentativen Berücksichtigung aller europäischen Bürger*innen stattfinden, an deren Ende keine Angst und Scheu vor tiefgreifende Reformen stehen darf. Europa, die Europäische Union muss bereit sein für Veränderungen.

Und um zu Schumans Worten aus dem Mai 1950 zurückzukommen: Dieses Projekt kann nicht gewahrt werden, ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen. Wir alle sind gefragt: die Bürger*innen Europas ,aber insbesondere die Regierungvertreter*innen der Mitgliedstaaten sowie die Vertreter*innen der europäischen Institutionen. Einer neuer Kraftakt für Europa wird gebraucht!

Bedeutung der Demokratie

Aktuelle Entwicklungen zeigen, wie wichtig eine Demokratie ist. Im Rahmen der Europawoche möchten wir daran erinnern.

Diesem Zitat von Tschingis Aitmatow (1928-2009) ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Aufgewachsen als Mitglied der kirgisischen Minderheit verlor er früh seinen Vater bei der stalinistischen Säuberung. Im Laufe seines Lebens entwickelte er sich zu einem der profiliertesten Schriftsteller der russischen Sprache. Seine Werke und Prosa waren Standardwerke in den Schulen der damaligen UdSSR und seinen Satellitenstaaten, obwohl er sich literarisch früh vom sozialistischen Realismus distanzierte. In der Zeit der Perestroika wurde er als parlamentarischer Vertreter (Oberster Sowjet der UdSSR) aktiv, seit Ende 1989 auch als Berater Michail Gorbatschows. Ab 1990 wurde er sowjetische später kirgisischer Botschafter in Frankreich und den Benelux-Staaten und lebte in Brüssel, wo er sich für eine Annäherung Russlands an die Europäische Union einsetzte.

Gerade im Hinblick auf die aktuelle Verfassungsreform in Russland ist es wichtig, uns vor Augen zu führen, wie dankbar wir für unsere Demokratie sein dürfen. Das Volk als souveräne Träger der Staatsgewalt ist leider für viele Menschen nicht selbstverständlich. Es liegt daher an uns, dieses Privileg für nachkommende Genrationen zu bewahren

Corona-Krise verdeutlicht Notwendigkeit einer europäischen Sozialunion

Die Corona-Pandemie macht sichtbar, was schon seit langer Zeit im Raum steht: Menschen erfahren innerhalb der EU soziale Ungleichheit und Diskriminierung unter anderem aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Herkunft oder ökonomischen Stellung. Zeit, etwas dagegen zu unternehmen!

Einer der neuesten Meilensteine der EU zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit ist die Europäische Säule sozialer Rechte, die in zwanzig Grundsätzen unter anderem das Recht auf faire Löhne, auf eine Gesundheitsversorgung und die Gleichstellung der Geschlechter einfordert. JEF Deutschland forderte bereits in mehreren Beschlüssen, dass diese Säule für alle Mitgliedstaaten rechtlich verbindlich sein und einen effektiveren Kontrollmechanismus als das derzeit genutzte „reporting system“ erhalten sollte. Dieser Forderung schließen wir uns als JEF NRW an. Denn wäre die Europäische Säule sozialer Rechte 2017 verbindlich eingeführt worden, so hätte es europäische, einklagbare Rechte gegeben, um den Sozialschutz innerhalb der Mitgliedsstaaten zu verbessern. Die Mitgliedstaaten hätten bereits seit drei Jahren an der Verbesserung des Sozialschutzes und an einer Angleichung der unterschiedlichen europäischen Gesundheitsstandards arbeiten müssen und somit hätten wir in der Corona-Pandemie eine bessere Ausgangslage gehabt. Sozialpolitik wäre schon vor Corona europäische Politik gewesen.

Prekäre Arbeitsverhältnisse sorgen in der Krise für Not

Each person’s situation is different, but for sure, the coronavirus will reveal the different realities of women and men” – beschreibt ein neuer Artikel des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) die aktuelle Situation. Innerhalb der EU sind 83% der Pflegekräfte in Altenheimen oder Heime für Menschen mit Behinderungen und weit über die Hälfte des Krankenhauspersonals weiblich und setzen sich damit in der aktuellen Krise den Gefahren einer Ansteckung permanent aus. Gleichzeitig sind diese Jobs mit am schlechtesten bezahlt. Forschungen des EIGE zeigen weiter, dass sich 27% aller Frauen und 15% aller Männer in prekären Arbeitsbedingungen befinden. Sie müssen durch Corona mit Lohnausfällen rechnen, die ihre ohnehin schon schwierige Lage verschlimmern. Betrachtet man die Zahlen für Menschen mit Migrationshintergrund, zeichnet sich ein noch drastischeres Bild: Etwa eine von drei Frauen (35%) und einer von vier Männern (24%), die nicht in der EU geboren sind, arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen. Dazu kommt die Zunahme von unbezahlter Arbeit zuhause, wie etwa der Kinderbetreuung. Neben der sich verschlimmernden finanziellen Lage mehren sich zudem die Berichte von einem Anstieg an häuslicher Gewalt und einer Überlastung der Frauenhäuser. Deswegen fordert JEF NRW die Politik auf, in ihrer Corona-Politik eine Perspektive einzunehmen, die diese unterschiedlichen Diskriminierungsformen beachtet, um langfristig etwas an sozialen Ungleichheiten zu ändern!

Sozialunion als Sicherungsinstrument einführen

In ihrer Resolution vom 09.04.2020 macht auch die JEF Europe auf diese Situation aufmerksam. Die JEF NRW schließt sich den Forderungen an die Mitgliedstaaten der EU an, Unterstützungsmaßnahmen für Eltern und insbesondere für Alleinerziehende auszubauen. 2017 waren innerhalb der EU 35% der alleinerziehenden Mütter und 28% der alleinerziehenden Väter von Armut bedroht. Hier muss finanzielle Unterstützung her! Weiterhin schließen wir uns den Forderungen von JEF Europe und EIGE an, wissenschaftliche Daten und Studien zu geschlechtsspezifischen Auswirkungen dieser Krise zu sammeln und anzufertigen. Hier geht es vor allem um die Ansteckungsraten, aber auch um ökonomische Folgen wie die Verteilung von Pflegearbeit oder das Ausmaß von häuslicher Gewalt. Solche Studien würden die bestehenden sozialen Ungleichheiten noch sichtbarer machen und helfen, die Probleme anzugehen und sich auf weitere Krisen vorzubereiten. Politiker*innen müssen die wichtige Arbeit im Gesundheitssektor, häusliche Pflegeleistungen und Haushaltsarbeit besser anerkennen und für bessere Entlohnung sorgen.

Um solchen Krisen in Zukunft zu begegnen, ist es von großer Bedeutung die Europäische Säule sozialer Rechte endlich rechtlich verbindlich für alle Mitgliedsstaaten der EU zu beschließen. Eine Sozialunion neben der Wirtschafts- und Währungsunion einzuführen, kann dazu beitragen, künftige Krisen besser koordinierbar zu machen und abzufedern, indem sich die Mitgliedsstaaten untereinander unterstützen!