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Ein europäisches Berg-Karabach als friedliche Konfliktlösung?

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Seit Jahrzehnten kommt es im Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. In den letzten Wochen eskalierte der Konflikt: Seit Ende September hatte Krieg geherrscht, der nun unter Vermittlung Russlands und dem Einsatz russischer Friedenstruppen zur Sicherung der umkämpften Region vorläufig beigelegt wurde.

Völkerrechtlich gehören die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, wurden jedoch seit 1994 von Armenien besetzt. Die auf diesem Gebiet ausgerufene Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Das nun vermittelte Friedensabkommen ist ein Rückschlag für Armenien: Es muss viele besetzte Gebiete an Aserbaidschan abtreten und ist mit dem verbliebenen Gebiet um die regionale Hauptstadt Stepanakert nur über eine von russischen Soldaten gesicherte Straße, den sogenannten Latschin-Korridor, verbunden.

JEF fordert EU zum Handeln auf

Der Konflikt war und ist in der europäischen und internationalen Öffentlichkeit kaum präsent, obwohl Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Einrichtungen täglich gemeldet wurden. JEF Europe und JEF Germany haben daher einen offenen Brief an europäische Politiker*innen verfasst, in dem diese dazu aufgerufen wurden, sich stärker für die Konfliktbeilegung einzusetzen und die einseitige Konflikteinmischung der Türkei auf Seiten Aserbaidschans zu verurteilen.

Der Konflikt prägt Generationen auf beiden Seiten – Perspektiven von Betroffenen

Parallel dazu wurden von JEF NRW und JEF Bayern im Rahmen einer Kampagne zum Konflikt Interviews mit Menschen aus Armenien, Aserbaidschan und Berg-Karabach geführt, um den betroffenen Menschen eine Stimme zu geben.

So berichtete Flora (21), die aus Stepanakert stammt, von ihrer Flucht nach Armenien, der zusätzlichen Belastung durch die Covid-19-Pandemie, der Schwierigkeit, den Alltag im Krieg zu bewältigen sowie Freunden, die an der Front vermisst werden. Veronika (24), die nahe der Hauptstadt von Armenien, Jerewan, lebt, erzählte von der Sorge, dass sich der Krieg auch auf das Staatsgebiet von Armenien verschieben könnte, sowie von ihrem Engagement für Geflüchtete aus der umkämpften Region und der Herausforderung, dass der Konflikt zunehmend Teil des Alltags werde. Rafael (63), in Jerewan lebend, glaubt, dass der Krieg sowohl auf aserbaidschanischer als auch auf armenischer Seite nicht von der Bevölkerung gewollt ist. Der Krieg sei auch in Jerewan durch die vielen Verwundeten und ständig eintreffenden Holzsärge sehr präsent gewesen. Rufat (27), der in Baku in Aserbaidschan aufgewachsen ist und derzeit in Hamburg lebt, erinnert daran, dass dieser Konflikt schon viel zu lange andauern und historisch aufgeladen sei. Alle seien Verlierer*innen des aktuellen Krieges. Alle Interviewten wünschten sich eine friedliche Konfliktlösung, auch wenn diese unterschiedlich ausgestaltet sein soll: Die pro-armenischen Interviewpartner*innen finden, dass sich die Menschen in der Türkei und Aserbaidschan gegen ihre Regierungen positionieren sollten und die EU, die USA und Russland das Verhalten der Türkei und Aserbaidschans sanktionieren müssten. Auf der anderen Seite hofft Rufat als Aserbaidschaner, dass Armenien, Aserbaidschan sowie Georgien endlich erkennen, dass sie gemeinsame wirtschaftliche Interessen als Bindeglied zwischen Ost und West teilen. Eine entsprechende Wirtschaftspolitik, die von der EU gefördert werde, könne so zur Konfliktbeilegung beitragen.

Zukünftiges Zusammenleben gestalten – aber wie? Diskussionsbeiträge von Expert*innen

Den Abschluss der Kampagne bildete im Rahmen der Discuss Europe-Reihe ein digitales Expert*innengespräch mit Alexander Iskandaryan (Direktor des Caucasus Institute, Jerewan), Ahmad Alili (Caucasus Policy Analysis Center, Baku) und Silvia Stöber (Freie Journalistin)

Eine Region muss wieder zusammenwachsen

Im Zentrum der Debatte mit rund 70 Teilnehmer*innen aus ganz Europa standen die Möglichkeiten einer friedlichen Konfliktlösung. Dabei waren sich die Teilnehmer*innen einig, dass die aktuelle Konfliktbeilegung keine langfristige Lösung sei. Laut Alexander Iskandaryan habe Armenien dem Abkommen zugestimmt, um die aktuellen Kriegshandlungen und die humanitäre Krise zu beenden. Mehreren unabhängigen Berichten zufolge ist die Zustimmung Armeniens allerdings auch in der deutlichen militärischen Unterlegenheit gegenüber Aserbaidschan begründet. Um den Konflikt langfristig beizulegen muss, so führt Alexander Iskandaryan weiter aus, das Mindset der Bevölkerung geändert werden, um der Polarisierung entgegenzuwirken. Dies gelinge nicht über das Ziehen von Grenzen, sondern durch die Förderung des Zusammenlebens der diversen ethnischen Gruppen in der Region: “Nagorno-Karabakh is not only about the land, it is also about the people.” 

Auch Aserbaidschan möchte Konzepte des Zusammenlebens fördern, betont Ahmad Alili. Aserbaidschan wolle die Armenier*innen in den nun von Aserbaidschan kontrollierten Gebieten nicht marginalisieren und werde daher das Gespräch zur Bevölkerung suchen. Er erklärt, dass Aserbaidschan den Krieg als einzige Möglichkeit gesehen habe, völkerrechtlich bestätigtes Recht gegenüber Armenien einzufordern, das jahrzehntelang missachtet worden sei. 

Wer nimmt Einfluss
Es ist deutlich zu erkennen, dass der Konflikt historisch aufgeladen ist, die Ursachen weit in die Vergangenheit zurückreichen und von beiden Seiten unterschiedlich interpretiert würden, so Silvia Stöber. Dass die für die Region zuständige OSCE Minsk-Gruppe kaum zur Konfliktbeilegung beigetragen hat, sehen die Expert*innen mit dem derzeitigen Fokus der Länder als auch der EU auf die Covid-Pandemie begründet. Die USA sei zudem mit der Präsidentschaftswahl beschäftigt, auch gebe es innerhalb der OSCE derzeit eine Führungskrise. Einig waren sich die Expert*innen aus Armenien sowie Aserbaidschan zudem in der Unzufriedenheit mit der Rolle, die Russland nun im Konflikt einnimmt: Demnach verfolgt Russland vor allem geopolitische Interessen, ist das Land nun durch die sogenannten Friedenstruppen in der Region präsent. 

Um tatsächlich zur Konfliktbeilegung beizutragen und Einfluss zu nehmen müsse die EU laut Silvia Stöber eine Sprache erlernen, die von Russland als auch von der ebenfalls präsenten Türkei verstanden wird. Dies gelte aus EU-Perspektive auch für die weiteren geopolitischen Konflikte, beispielsweise in Libyen oder Syrien. Im Konflikt um Bergkarabach muss die EU ihre Soft Power im Hinblick auf Bildung, Rationalisierung des Konflikts und Austauschangebote somit stärker einbringen. 

Eine friedliche Konfliktlösung

Einen interessanten Gedankenanstoß setzen die Teilnehmer*innen der Diskussion, als sie Schweden auf die Agenda setzten. Das skandinavische Land wird die OSCE-Minsk-Group ab 2021 leiten und ist als neutraler Vermittler auf armenischer und aserbaidschanischer Seite anerkannt. Bevor jedoch der völkerrechtliche Status von Berg-Karabach endgültig geklärt werden könne, brauche es ein gemeinsames Narrativ. Nur so könne der Polarisierung begegnet werden, auch wenn sich dies in der Praxis schwer umsetzen lasse. Dann könnte am Ende des Konflikts auch ein von allen Seiten akzeptiertes Referendum über die Unabhängigkeit Berg-Karabachs stehen, so Alexander Iskandaryan. 

Das Expert*innengespräch sowie die Interviews mit den Menschen aus der Region verdeutlichen: Eine von allen Seiten akzeptierte Lösung benötigt ihre Zeit. Die EU kann ihren Einfluss durch Soft Power stärken und – so konstatierten die Expert*innen – als Kontinent mit einer ebenfalls bewegten Geschichte als Vorbild für eine friedliche Konfliktlösung fungieren. 

Immensely interesting discussion on the current developments in Nagorno-Karabakh

Yesterday’s Discuss Europe Online by JEF NRW and JEF Bavaria on the conflict over Nagorno-Karabakh was an enormously fruitful exchange about the current situation and future conflict resolution possibilities.

Less than a week after the war was officially ended through a russian mediated solution, JEF NRW and JEF Bavaria brought experts from both countries, Alexander Iskandaryan from Armenia and Ahmad Alili from Azerbaijan, to a virtual table. Silvia Stöber, a long-standing expert and journalist for the South Caucasus, added to the round table, opening up very interesting perspectives. 

With 70 participants from all over Europe, the reasons for the conflict, the possibilities for a long-term peaceful solution, the roles of Turkey and Russia as well as the influence of the European Union were intensively discussed.

A detailed follow-up report will follow next week.

Many thanks to our guests and all participants for this evening. 

2020_Veto Corona Hilfsfond_Rechtsstaatsmechanismus_ Polen_Ungarn

Keine Geiselhaft für den Corona-Fonds!

Am Montag, dem 16.11.2020 wurde durch die Regierungen von Polen und Ungarn ein Veto gegen die Verabschiedung des mehrjährigen Finanzrahmens und des Corona-Hilfspakets der EU eingelegt. Grund für die Blockade der dringend nötigen Mittel zur solidarischen Bewältigung der Herausforderung durch die Pandemie ist die Ablehnung des Rechtsstaatsmechanismus, welchen das Europäische Parlament in einem Kompromiss mit den Vertretern der Mitgliedsstaaten durchsetzen konnte.

Der Landesvorstand der JEF NRW erklärt hierzu: Europa braucht einen neuen Haushalt und Europa braucht auch klare, gemeinsame Werte. Wenn einzelne Regierungen sich dagegen sperren, zentrale Grundprinzipien wie die Freiheit der Justiz zu respektieren und dafür den EU-Haushalt blockieren, darf sich die EU nicht erpressbar zeigen. Im Notfall müssen andere Wege gefunden werden, um eine gemeinsame europäische Antwort unter den Staaten zu vereinbaren, die bereit sind progressiv, gemeinsam voran zu gehen.

Simon Gutleben, Landesgeschäftsführer der JEF NRW sagt: „Wenn einzelne Länder glauben, mit ihrem Veto den Fortschritt der EU insgesamt in Geiselhaft nehmen zu können, sollten sie vorsichtig sein. Das Beispiel von Camerons Veto im Jahre 2011 zeigt, dass die Regierungen der EU Möglichkeiten haben, Lösungen neben der Einstimmigkeit zu finden, zumindest im Bereich der Corona-Krisenmaßnahmen. Dann unter Umständen ohne die Länder, die sich selbst ins Abseits stellen.“

Diese Episode demonstriert aber auch erneut die zentrale Schwäche des intergouvernementalen Einstimmigkeitsansatzes für zentrale Fragestellungen. Mittel- bis langfristig müssen in möglichst vielen Politikbereichen eine Stärkung des Parlamentes als Vertretung der Bürgerinnen und Bürger der Union und eine Abkehr von einzelstaatlichen Vetorechten folgen, damit die EU effektiv handeln kann.

Bild: CC Koszticsák Szilárd
Die Premierminister von Ungarn und Polen, Viktor Orbán (links) und Mateusz Morawiecki, hatten in den vergangenen Tagen bereits mit einem Veto gegen das EU-Finanzpaket gedroht.

Voices of Conflict: Truce in Nagorno-Karabakh?

After more then six weeks of deadly fighting between Armenia and Azerbaijan over Nagorno-Karabakh, under Russian procuration a truce has been established between the two forces of Armenian Primeminister Nikol Paschinjan und Azerbaijani President Ilham Alijew. More then 2000 Russion soldiers are observing and protecting the truce compliance in the area.
But what will be the effect of the truce? On Thursday, 12th of November different media channels already reported protests in Armenia. Thousands of people have gathered in Armenia’s capital traise their voice against the agreement that gave territorial concessions to Azerbaijan.

Join our online event on November 17th to discuss the future and implications of this conflict here.

To get a better understanding of the conflict, we interviewed four people from the area on how their lifes are affected by the conflict.

All of these are personal opinions, not necessarily conntected to JEF NRW agenda.

Flora (21) from Stepanakert, Nagorno-Karabakh
Veronika (24) from Armenia
Rufat (27) from Baku, Azerbaijan
Rafael (63) from Yerewan, Armenia

Now two of them, Rufat from Baku, Azerbaijan and Rafael from Yerewan, Armenia have sent us their statements on the truce that are very different from each other:

Rafael (63) sees the ceasefire more as a fragile peace. He states plainly that the peace is rather an opportunity for both sides to gather new weapons, form alliances and for Russia to also sell more weapons.
He emphasizes: „The conflict has been going on for more than 30 years, peace will not be established over night. We still have a long way to go“.

Rufat (27) gives a more detailed interpretation on the impact of the truce:

„The ceasefire agreement (which is not a peace agreement) stopped the war immediately which is the biggest achievement after 44 days. Both sides must appreciate this fact. However in this ceasefire agreement not every detail is described explicitly. Many questions still must be officially answered.

From Armenian point of view, Armenians consider it as a total defeat. However, I wouldn’t call it like that because this agreement will make possible again Armenian’s life in Nagorno-Karabakh(NK) under the protection of Russian peaceful military troops.

As Armenian government chose the defeat only now they don’t have the negotiation power to necessarily get what they want. They could’ve had a better deal if they would have accepted a deal in the first days of war or even before the war. Unfortunately, the ignorance of the people, false assessment of the powers, wide spread of disinformation (as if they have a better position in war, Azerbaijan loses, more than 7000 Azerbaijani soldiers were killed, hundreds drones were shot etc.), led to the total disaster of Armenia and now people require the resignation of the government.

My personal point of view and which I find right is that Azerbaijan admitted the Russian militaries in order to preserve the security of Armenians who would continue to live in NK. Russia would be the only country under which Armenians would feel free and understood (speaking Russian). It also increases the international image of Azerbaijan keeping the promise and proving that the goal of Azerbaijan is not an ethnic cleansing but a situation where both nations can live together without having fear.

Consequently, history one more time revealed that occupation of another country’s sovereign territory is not acceptable and has no future. Winner is always the one which does not live in the past but focuses on the future. This war was not only between Armenia and Azerbaijan but it was also the war between „3000 years history“ of Armenians vs. International law (UN 4 resolutions); old military system vs. high tech; disinformation and populism (and they officially admit it) vs transparency; and finally the true fact of ethnic cleansing (by Armenians during 1991-1994) vs. securing the accommodation of Armenians in NK by cost of inviting the Russian military troops to Azerbaijan.“

Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution

Discuss Europe Event am 17. November, 19 Uhr: “Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution”


The conflict between Armenia and Azerbaijan over Nagorno-Karabakh, which began in 1994, has intensified in recent weeks. This is an understatement: it is a war on the European continent.

Civilians on both sides are coming under fire. Ceasefires are not being observed. Russia and Turkey are acting as protective powers in the background. Mediation attempts by the OSCE Minsk Group fail.

How can we escape from this spiral of violence? What role does the European Union play in this?
This and other questions we want to discuss together with Alexander Iskandaryan, the Director of the Caucasus Institute, an Armenian think tank, Ahmad Alili, Head of Research Department of the Caucasus Policy Analysis Center (CPAC) from Azerbaijan and Silvia Stöber, a Freelance Journalist and Expert on the area.
Further guests are invited but they are still to be confirmed. We’ll update you as soon as possible.

We are looking forward to an interesting conversation with our guests and all of you. The event will take place on Zoom.

Join Zoom meeting:
https://us02web.zoom.us/j/88316319003…
Meeting ID: 883 1631 9003
Password: 470463

Hintergrund Infos zum Konflikt:

Seit Jahrzehnten kommt es im Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. In den letzten Wochen eskalierte der Konflikt: Seit Ende September herrscht Krieg. 

Völkerrechtlich gehören die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, werden seit 1994 jedoch von Armenien besetzt. Die auf diesem Gebiet ausgerufene und von Armenien gestützte Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Gegenwärtig rücken aserbaidschanische Truppen mit türkischer Unterstützung vor und greifen die Region samt ihrer Hauptstadt Stepanakert an.

Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen gibt es nach Medienberichten auf beiden Seiten zu beklagen. Nichtsdestotrotz rückt der Konflikt in der europäischen Öffentlichkeit in den Hintergrund. Über das Leiden der Zivilgesellschaft wird kaum berichtet.

Im Kontext unseres Discuss Europe Events am 17. November “Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution” wollen wir auch den Menschen in Armenien, Aserbaidschan und Berg-Karabach eine Stimme geben und haben dafür mit Menschen aus den verschiedenen Gebieten über ihre aktuelle Situation gesprochen.

Here you can find the Interviews and Information in English

Flora (21) from Stepanakert, Nagorno-Karabakh
Rufat (27) from Baku, Azerbaijan
Veronika (24) from Armenia
Rafael (63) from Yerewan, Armenia

Voices of Conflict: „I wish that there would be a world where people could talk to each other easily and openly.“

You can find an English Version of this Article on the next page.

Seit Jahrzehnten kommt es im Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. In den letzten Wochen eskalierte der Konflikt: Seit Ende September herrscht Krieg. 

Völkerrechtlich gehören die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, werden seit 1994 jedoch von Armenien besetzt. Die auf diesem Gebiet ausgerufene und von Armenien gestützte Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Gegenwärtig rücken aserbaidschanische Truppen mit politischer Unterstützung der Türkei vor und greifen die Region samt ihrer Hauptstadt Stepanakert an.

Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen gibt es nach Medienberichten auf beiden Seiten zu beklagen. Nichtsdestotrotz rückt der Konflikt in der europäischen Öffentlichkeit in den Hintergrund. Über das Leiden der Zivilgesellschaft wird kaum berichtet.

Im Kontext unseres Discuss Europe Events am 17. November „Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution“ wollen wir auch den Menschen in Armenien, Aserbaidschan und Berg-Karabach eine Stimme geben und haben dafür mit Menschen aus den verschiedenen Gebieten über ihre aktuelle Situation gesprochen. Das heutige Gespräch wurde mit Rufat (27) geführt, der aktuell in Hamburg arbeitet und seinen Master in European Studies gemacht hat. Er ist in Baku, in Aserbaidschan aufgewachsen.

Fragen von JEF NRW

Inwieweit bist du oder deine Familie vom Berg-Karabach-Konflikt betroffen? 

Rufat: Als Aserbaidschaner muss ich sagen, dass auch ich und meine Familie von diesem Konflikt betroffen sind. Meine Großmutter kommt ursprünglich aus der Karabach-Region. Während des Ersten Krieges in Berg-Karabach (1991-1994) wurden etwa eine Million Menschen aus ihrer Heimat vertrieben – viele verteilten sich auf die unterschiedlichen Städte Aserbaidschans, häufig gingen sie nach Baku (aus der Stadt komme ich). 

Ich erinnere mich über die Erzählungen meiner Eltern über die härteste Zeit ihres Lebens. Seit ich 1993 geboren wurde (während des Ersten Krieges in Berg-Karabach), hatte ich eine harte Kindheit, geprägt von Hungersnöten und ausgeprägtem Leid verteilt über das ganze Land. 

Während meiner Schul- und Universitätslaufbahn nicht nur in Baku, sondern auch in Flensburg (wir waren 5 Aserbaidschaner), traf ich immer wieder auf Bekannte, die auch aus Nagorno-Karabach und den 7 annektierten Regionen im Umfeld kamen. Die vielen Momente, die ich mit ihnen erlebt habe und die Erinnerungen, die sie mit mir teilten über ihr Mutterland, hat eine besondere Rolle in meinem Leben eingenommen.

Wie gehst du mit dem Konflikt um? Was denkst du darüber? 

Ich denke, dass es nie einen Gewinner des Konfliktes, sondern vielmehr immer zwei Verlierer gibt. Selbst dem Gewinner wird immer eine Narbe bleiben.

Rufat: Seit dem 27. September (da startete der Zweite Berg-Karabach Konflikt) gehe ich- auch wenn der Konflikt weit weg ist- jeden Tag angespannt durch den Tag. In der Tat gab es seit dem Waffenstillstand 1994 verschiedene Stufen der Eskalation zwischen Armenien und Aserbaidschan und leider sind bisher viele Menschen ums Leben gekommen. Leider gab es nie eine richtige Deeskalation. 

Ich habe Internationale Beziehungen (Bachelor of Arts) und European Studies (Master of Arts) studiert, sodass nicht nur der Krieg, sondern auch viele Konflikte Teil meiner Forschungen meines akademischen Hintergrundes waren. Beim Lesen der Historie und dem Erforschen verschiedener Konflikte in der Welt, kam ich zu der Erkenntnis, dass es nie einen Gewinner des Konfliktes, sondern vielmehr immer zwei Verlierer gibt. Selbst dem Gewinner wird immer eine Narbe bleiben. 

Nichtsdestotrotz ist Geschichte nie frei von Dämonen, die schnell Hass in den Köpfen der Leute aussähen. Dieses Ego hat die Menschen schon immer dazu bewegt, mehr zu wollen. Und gerade das ist beim ersten Krieg im Berg-Karabach passiert. Armenien hat diesen Krieg gewonnen und eine Million aserbaidschanische Menschen aus deren Heimat vertrieben und schickte sich danach an, dieses Gebiet als „Sicherheitszone“ für seine Bevölkerung zu erklären.

Während der folgenden 27 Jahre hat Armenien versucht das komplette historische Gedächtnis bzw. die Erinnerungskultur Aserbaidschans aus der Region zu eliminieren und taten, als seien sie das Opfer.

Im Gegensatz zu anderen Konflikten, ist dieser Fall als komplette „ethnische Säuberung“ der Aserbaidschanischen Menschen zu sehen, da deren historische Spuren vis-à-vis aus der Region, die Spuren einer ganzen Nation, getilgt wurden. Während der folgenden 27 Jahre hat Armenien versucht das komplette historische Gedächtnis bzw. die Erinnerungskultur Aserbaidschans aus der Region zu eliminieren und taten, als seien sie das Opfer. Sicherlich können eine oder mehrere Personen lügen, aber nicht eine Million Menschen, die vertrieben worden sind. Das wäre so, als würde man erzählen, dass es nicht einen syrischen Flüchtling in Deutschland gäbe- die Armenier leugnen wie gesagt, dass sie eine Million Aserbaidschaner vertrieben haben. 

Ich denke momentan an jede Person, die in diesem Krieg kämpft und an deren Familie, ungeachtet ob Armenier oder Aserbaidschaner. Im Laufe der Geschichte haben Aserbaidschaner und Armenier friedlich zusammengelebt. Aber nicht nur das: Auch in anderen Ländern studieren, arbeiten und leben sie miteinander oder haben sogar Familien zusammen gegründet. Eine gesamte Nation jedoch schlecht zu reden, sie als inhuman zu bezeichnen oder sogar ihr den Tod zu wünschen ist wider jede Menschlichkeit und muss verurteilt werden. 

Hast du Kontakte zu Menschen in Aserbaidschan? Wie kam es dazu? Hat sich seit dem letzten Ausbruch des Konflikts etwas daran geändert? 

Rufat: Ich habe mit zwei Armeniern zusammen studiert. Vor allem mit einem von ihnen hatte ich ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis. Außerdem arbeite ich mit zwei armenischen Kollegen auf meiner Arbeit in Hamburg zusammen. 

In der Regel wird im ersten Teil der Unterhaltung die Einstellung oder Ansicht bezüglich des Konfliktes mitgeteilt. Meines Erachtens ist es ein wichtiger Schlüssel zwischen Aserbaidschanern und Armeniern, um eine Konversation vernünftig anzufangen. Ich wünsche mir, dass es eine Welt gäbe, in der man ungezwungen und offen einfach so miteinander reden könnte. 

Licenced cc by wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bergkarabach-es.svg

Siehst du Möglichkeiten für eine friedliche Konfliktlösung? Wie könnte diese aussehen? 

Rufat: In der Tat sehe ich sogar eine Lösung! Es muss eine gemeinsame Lösung im Sinne beider Nationen geben. Unter Betrachtung der jetzigen Umstände, kann man jedoch nicht einfach von jetzt auf gleich den Krieg beenden, das ist schwer durchzuführen- es sei denn eine der beiden Nationen würde eine Niederlage eingestehen. Wie ich bereits sagte ist der Krieg eine Lose-Lose Situation für beide Seiten. 

Ich würde nun vorschlagen meine eigene Sicht auf die Zukunft der Region zu schildern sowie meine Vision eines Traumes der künftigen Entwicklung. In der globalen Welt verlieren Grenzen ihre Bedeutung, aber Handelsabkommen sind von hohem Wert. Der Kaukasus ist nur eine kleine Region, bestehend aus drei Ländern, nämlich Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Würden diese drei Länder ihre wirtschaftliche Kraft bündeln, könnten sie sich konstant und rapide entwickeln. Die Region bildet das Bindeglied zwischen Ost und West und kann als Handelseck gesehen werden. 

Wenn einmal der Krieg aufhört und endlich der Frieden in die Länder kommt, wird für diese Region ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ein neues Kapitel ohne Hass und Zorn, das sich auf den Wohlstand und Gesundheit der Leute fokussiert. Es wird alles andere als leicht werden, aber ich glaube fest daran.

Rafut (27) aus Baku

Was erhoffst du dir von der Europäischen Union für die Lösung dieses Konfliktes? 

Rufat: Die EU hat vermutlich auf diesem Planeten die größte Erfahrung in der Aussöhnung von Menschen. Im Laufe seiner Geschichte gab es auf dem Europäischen Kontinent eine Serie endloser Kriege oder Konfrontationen, inklusive zweier Weltkriege. Heute jedoch liegt das schon lange zurück, es gibt keinerlei Konflikte zwischen den Ländern, es gibt enge Handelsbeziehungen und Verflechtungen zwischen den Ländern in Zeiten des Friedens. Mehrere Länder könnte ich als Beispiele nennen. 

Aserbaidschan und Armenien sind beides Länder, die sich mit den Europäischen Werten identifizieren und auch durchaus Bestrebungen haben, enger an Europa heranzurücken. Genau diesen positiven Einfluss sollte die EU in der Region nutzen und zeigen, dass der Weg in die wirtschaftliche Integration besser ist als die territorialen Ansprüche eines anderen Landes sowie der ethnisch-kulturell-historischen Säuberung. 

Zurück zum Konflikt: Die EU kann und sollte auch ihren positiven Einfluss nutzen ABER sie sollte kein Schiedsrichter oder nur objektiver Betrachter von außen in der Auflösung des Konfliktes sein, so wie sie es seit dem Ausbruch des Konfliktes getan hat. 

RAFUTS POLITISCHE EINSCHÄTZUNG

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn das Verhältnis der EU-Mitgliedsstaaten zu Aserbaidschan und Armenien ist nicht einheitlich und meistens einseitig geprägt.

Nehmen wir das Beispiel Frankreich: Hier gibt es mehr als 1,5 Millionen Armenier, die französische Staatsbürger sind und in Frankreich leben. Auf diese Weise ist es für sie einfach direkt in den politischen Entscheidungsprozess einzugreifen bzw. diesen zu beeinflussen, hier auch in öffentlich-rechtlichen Medien, zum Beispiel im Fernsehen, um Unterstützung zu bekommen.

Der französische Präsident E. Macron hat seit dem ersten Tag des Konflikts ein scharfes Statement gegenüber Aserbaidschan abgegeben, obwohl Frankreich dauerhaftes Mitglied der OSZE Minsk Gruppe ist (1992 vom Ministerium für Sicherheit und Kooperation ins Leben gerufen) und das Mandat eigentlich zu voller Objektivität und Neutralität verpflichtet. 

Des Weiteren gab es großen Druck von Armeniern gegenüber französischen Journalisten (TF1), nachdem diese einen Artikel über einen armenischen Militärangriff an Zivilisten in Aserbaidschan publiziert hatten. 

Nach diesem Druck hatte sich leider TF1 entschieden, diesen Bericht von seiner Website zu entfernen. Der Journalist Liseron Boudoul erhielt dutzende beleidigender Nachrichten in den sozialen Medien, nachdem er im Fernsehen über die Situation in Nagorno-Karabakh. Der Bericht zeigte das tägliche Leben auf der aserbaidschanischen Seite der Kriegsfront. Kurz nach der Veröffentlichung erhielt Boudoul eine ganze Reihe an Hass-Mails und Beleidigungen, die einige Tage anhielten. 

Auf der anderen Seite gibt es EU-Mitgliedsstaaten, die enge Handelsbeziehungen mit Aserbaidschan führen (Aserbaidschan hat eine bedeutende Rolle im Europäischen Energiesektor im Bereich von Öl und Gas) und die territoriale Integrität von Aserbaidschan (anerkannt von den Vereinten Nationen) auch öffentlich anerkennen, wie zum Beispiel Italien und Deutschland.]

Voices of Conflict: „This war is not desired by the Azeris and the Armenian people!“

You can find an English Version of this Article on the next page.

Seit Jahrzehnten kommt es im Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. In den letzten Wochen eskalierte der Konflikt: Seit Ende September herrscht Krieg. 

Völkerrechtlich gehören die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, werden seit 1994 jedoch von Armenien besetzt. Die auf diesem Gebiet ausgerufene und von Armenien gestützte Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Gegenwärtig rücken aserbaidschanische Truppen mit politischer Unterstützung der Türkei vor und greifen die Region samt ihrer Hauptstadt Stepanakert an.

Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen gibt es nach Medienberichten auf beiden Seiten zu beklagen. Nichtsdestotrotz rückt der Konflikt in der europäischen Öffentlichkeit in den Hintergrund. Über das Leiden der Zivilgesellschaft wird kaum berichtet.

Im Kontext unseres Discuss Europe Events am 17. November „Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution“ wollen wir auch den Menschen in Armenien, Aserbaidschan und Berg-Karabach eine Stimme geben und haben dafür mit Menschen aus den verschiedenen Gebieten über ihre aktuelle Situation gesprochen. Das heutige Gespräch wurde mit Rafael. Er ist 63 und Leiter der Deutsch-Armenischen Freundschaft (DAF) in Jerewan, Armenien, wo er auch wohnt.

Fragen von JEF NRW

Inwieweit bist du oder deine Familie vom Berg-Karabach-Konflikt betroffen? 

Rafael: Ich und ganze Volk haben natürlich sehr negativ und emotional nach Ausbruch des Krieges reagiert. Dieser Krieg ist nicht gewünscht von den Aseris (Aserbaidschaner) und vom armenischen Volk, das hat geopolitische Ziele von der Führung der gegenüberliegenden Seite und der Türkei, welche ihr islamisches Kalifat weiterverbreiten wollen und dies ist eine Fortsetzung des Völkermords von 1915. 

Dieser Krieg ist nicht gewünscht von den Aseris (Aserbaidschaner) und vom armenischen Volk, das hat geopolitische Ziele von der Führung der gegenüberliegenden Seite und der Türkei.

Ich wohne in Jerewan, etwa 400 Kilometer von den Gefechten in der Region entfernt. Trotz allem sieht man jeden Tag Krankenwagen durch die Straßen fahren, in den Krankenhäusern liegen viele Verwundete und man sieht ständig eintreffende Holzsärge der Gefallenen. 

Wie gehst du mit diesem Krieg um? Was denkst du darüber? 

Rafael: Ich bin traurig und wütend über diesen Krieg. Er hat schon Tausenden das Leben gekostet und zerstört bzw. traumatisiert jetzt schon mehrere Generationen, da es Jahre dauern wird nach einem möglichen Frieden wieder aufeinander zuzugehen. 

Hast du Kontakte zu Menschen in Aserbaidschan? Wie kam es dazu? Hat sich seit dem letzten Ausbruch des Konflikts etwas daran geändert? 

Rafael: Leider habe ich keine Kontakte mehr. Ich selbst bin in den 50er-Jahren in Gjandja – früher Kirovabad, zugehörig zu Aserbaidschan, geboren. Damals war sowohl Aserbaidschan als auch Armenien noch ein Teil der Sowjetunion. Seit 1989 habe ich leider keinerlei Kontakte mehr in der Region. 

Siehst du Möglichkeiten für eine friedliche Konfliktlösung? Wie könnte diese aussehen? 

Rafael: Die einzige Lösung, um den Frieden zu erreichen- oder wenigstens eine Waffenstille, welche von 1994 bis zu diesem Jahr gedauert hat, kann nur der weltweite Druck der Europäer, Amerikaner und Russen auf die Türkei bewirken. Ansonsten sterben weiterhin viele weitere tausend Menschen. Lasst uns weiter Gebete zum lieben Gott schicken, damit eines Tages endlich dieses Grauen aufhört. 

Was erhoffst du dir von der Europäischen Union für die Lösung dieses Konfliktes? 

Rafael: Zunächst erhoffe ich mir von der Europäischen Union, dass sie die türkische Politik und ihre Kriegstreiberei auf schärfste verurteilt. Sie sollen ihr Militärberater und Söldner aus Berg-Karabach zurückziehen.

Deutschland und die anderen europäischen Länder ihr Veto einlegen, Waffen an die Türkei zu verkaufen. Momentan aber merkt man, dass viele EU-Länder mit sich selbst beschäftigt sind und daher keine klare Position gegen die Türkei beziehen.

Außerdem müssen Deutschland und die anderen europäischen Länder ihr Veto einlegen, Waffen an die Türkei zu verkaufen. Momentan aber merkt man, dass viele EU-Länder mit sich selbst beschäftigt sind und daher keine klare Position gegen die Türkei beziehen. Man sollte aber nicht vergessen, dass zum Beispiel die türkische Lobby in Deutschland sehr stark ist, verständlich bei 4 Millionen Deutsch-Türken, und Deutschland daher keinen aggressiven Ton anschlagen möchte.

Licensed cc by wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bergkarabach-es.svg

Voices of Conflict: „The situation is terrible“

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Seit Jahrzehnten kommt es im Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. In den letzten Wochen eskalierte der Konflikt: Seit Ende September herrscht Krieg. 

Völkerrechtlich gehören die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, werden seit 1994 jedoch von Armenien besetzt. Die auf diesem Gebiet ausgerufene und von Armenien gestützte Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Gegenwärtig rücken aserbaidschanische Truppen mit politischer Unterstützung der Türkei vor und greifen die Region samt ihrer Hauptstadt Stepanakert an.

Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen gibt es nach Medienberichten auf beiden Seiten zu beklagen. Nichtsdestotrotz rückt der Konflikt in der europäischen Öffentlichkeit in den Hintergrund. Über das Leiden der Zivilgesellschaft wird kaum berichtet.

Im Kontext unseres Discuss Europe Events am 17. November “Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution” wollen wir auch den Menschen in Armenien, Aserbaidschan und Berg-Karabach eine Stimme geben und haben dafür mit Menschen aus den verschiedenen Gebieten über ihre aktuelle Situation gesprochen. Das heutige Gespräch wurde mit Veronika (24), die in der Region Kotayk im Zentrum von Armenien nahe Jerewan lebt, geführt.

Fragen von JEF NRW

Inwieweit bist du oder deine Familie vom Berg-Karabach-Konflikt betroffen?


Veronika: Glücklicherweise waren ich und meine Familie noch nicht von diesem Konflikt in physischer und wirtschaftlicher Hinsicht betroffen. Trotz der Tatsache, dass wir in der Republik Armenien leben, können wir nicht sicher sein, dass der Krieg, der auf dem Gebiet von Berg-Karabach stattfinden sollte, auch für uns nicht schädlich sein wird. Tatsache ist, dass die aserbaidschanische Seite im Oktober nicht nur das Gebiet von Berg-Karabach angegriffen hat, sondern auch Regionen Armeniens wie Syunik, Gegharkunik und Kotayk (wo ich mit meiner Familie lebe).

Wie wirkt sich der Krieg auf deinen Alltag in Bezug auf Beruf/Ausbildung, Soziales und Freizeit aus?

Der vielleicht schrecklichste Teil dieser ganzen Geschichte ist, dass meine Nation und ich mit diesem Konflikt fertig werden müssen.


Veronika: Dieser Krieg betrifft mich in psychischer Hinsicht total. Ich und hundert andere Bürger meines Landes können nicht wie gewohnt arbeiten, kommunizieren und entspannen. Mein Tag beginnt mit dem Lesen von Nachrichten und endet auf die gleiche Weise. Ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Viele meiner Bekannten sind jetzt als Freiwillige in Karabach, viele junge Männer aus meinem Ort, der rund 2000 Einwohner hat, kämpfen dort. Wir haben bereits zwei Opfer (22 und 50 Jahre alt) und mehr als zehn verwundete Männer, die jetzt in Krankenhäusern sind. Es gibt keine Neuigkeiten von meinem Nachbarn, der bereits seit zwei Wochen in Karabach ist. Die Situation ist schrecklich. Nach der Arbeit engagieren wir uns freiwillig und versuchen, Tausenden von Familien, die ihre Häuser verlassen und aus Karabach kommen mussten, mit Essen, Kleidung, Unterkünften usw. zu helfen.

Wie gehst du mit dem Konflikt um? Was denkst du darüber?


Veronika: Der vielleicht schrecklichste Teil dieser ganzen Geschichte ist, dass meine Nation und ich mit diesem Konflikt fertig werden müssen. Der Konflikt wird ein Teil unseres Alltags. Meine Gedanken sind jetzt nur bei unseren Soldaten. Ich möchte nur, dass sie alle zu ihren Familien zurückkehren.

Hast du Kontakte zu Menschen in Aserbaidschan? Wie kam es dazu? Hat sich seit dem letzten Ausbruch des Konflikts etwas daran geändert?


Veronika: Ich habe keine Kontakte in Aserbaidschan. Der letzte Ausbruch war im Juli dieses Jahres, aber ich denke, die Verwendung des Begriffs „Ausbruch“ für den heutigen Krieg ist völlig falsch. Was heutzutage passiert, ist nicht nur ein „Ausbruch“, dies ist ein Krieg in seiner vollständigen Bedeutung.

Siehst du Möglichkeiten für eine friedliche Konfliktlösung? Wie würde sie wohl aussehen?

Ich möchte objektive Berichte europäischer Medien über die Situation an der Front sehen.
Ich hoffe, dass die Länder der Europäischen Union die Kriegsverbrechen der aserbaidschanischen Seite mit Unterstützung der Türkei verurteilen werden.


Veronika: Dieser Konflikt sollte nur auf friedliche Weise durch Verhandlungen gelöst werden. Die Situation „halb Frieden, halb Krieg“ hält seit rund 30 Jahren an. Jede Generation von Armeniern muss für das Grundrecht kämpfen, in Frieden und in ihren Häusern zu leben. Ich hoffe, dass der Konflikt diesmal durch die Friedensverhandlungen mit Aserbaidschan gelöst wird. Als zukünftige Mutter möchte ich nicht, dass meine Kinder die gleichen Schrecken sehen, die ich jetzt sehe.

Was erhoffst du dir von der Europäischen Union für eine Konfliktlösung?


Veronika: Ich möchte objektive Berichte europäischer Medien über die Situation an der Front sehen. Ich hoffe, dass die Länder der Europäischen Union die Kriegsverbrechen der aserbaidschanischen Seite mit Unterstützung der Türkei verurteilen werden, beispielsweise wenn sie Krankenhäuser, medizinische Zentren, Schulen und Kindergärten angreifen, die weit von der eigentlichen Front entfernt sind. Ich hoffe, dass einige Länder der Europäischen Union, die mit der Türkei und Aserbaidschan zu denselben militärischen und wirtschaftlichen Organisationen gehören, die Kriegsverbrechen dieser beiden Länder verurteilen und zugeben, dass sie Terroristen aus Syrien und Pakistan in unsere Region gebracht haben und dass jetzt Armenier auch gegen den Terrorismus kämpfen. Ich bin zuversichtlich, dass zumindest die EU-Länder infolge der oben genannten Maßnahmen mit dem Boykott und der Verhängung von Sanktionen gegen das Tandem Aserbaidschan und der Türkei beginnen und die Republik Berg-Karabach als unabhängiges Land anerkennen werden. Denn nur so kann die Bevölkerung von Berg-Karabach vor Aserbaidschans aggressiven rhetorischen und militärischen Angriffen geschützt werden.

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Voices of Conflict: „And finally, I hope that it is not too late.“

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Seit Jahrzehnten kommt es im Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. In den letzten Wochen eskalierte der Konflikt: Seit Ende September herrscht Krieg. 

Völkerrechtlich gehören die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, werden seit 1994 jedoch von Armenien besetzt. Die auf diesem Gebiet ausgerufene und von Armenien gestützte Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Gegenwärtig rücken aserbaidschanische Truppen mit politischer Unterstützung der Türkei vor und greifen die Region samt ihrer Hauptstadt Stepanakert an.

Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen gibt es nach Medienberichten auf beiden Seiten zu beklagen. Nichtsdestotrotz rückt der Konflikt in der europäischen Öffentlichkeit in den Hintergrund. Über das Leiden der Zivilgesellschaft wird kaum berichtet.

Im Kontext unseres Discuss Europe Events am 17. November „Battle for Nagorno-Karabakh – Exchange and approaches for a peaceful solution“ wollen wir auch den Menschen in Armenien, Aserbaidschan und Berg-Karabach eine Stimme geben und haben dafür mit Menschen aus den verschiedenen Gebieten über ihre aktuelle Situation gesprochen. Das heutige Gespräch wurde mit Flora, aus Stepanakert, der Hauptstadt der umkämpften Republik Arzach, geführt. Sie ist 21 Jahre alt und arbeitet neben ihrem Master in International Bussiness Communication als Englisch Tutorin.

Fragen von JEF NRW

Inwieweit bist du oder deine Familie vom Berg-Karabach-Konflikt betroffen?

Flora: Ich komme aus Stepanakert, Arzach. Ich musste zusammen mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder am 29. September unser Haus in Stepanakert verlassen und nach Jerewan ziehen. Mein Vater und mein Großvater sind in Arzach. Unser Haus wurde durch die Raketenangriffe auf meine Heimatstadt beschädigt. Dieser Krieg hat mitten in einer Epidemie begonnen, was ihn noch schlimmer macht. Fast alle unserer älteren Menschen leiden seit ihrer Ankunft in Jerewan an COVID-19.

Einer meiner Freunde wird jetzt vermisst. Das Letzte, was er seinem Vater sagte, war, dass er sich in einem Hinterhalt befand. Wir haben seit dem 16. Oktober keine Neuigkeiten von ihm erhalten.

Einer meiner Freunde wird jetzt vermisst. Das Letzte, was er seinem Vater sagte, war, dass er sich in einem Hinterhalt befand. Wir haben seit dem 16. Oktober keine Neuigkeiten von ihm erhalten. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal wirklich gut geschlafen habe. Meine täglichen Aufgaben sind sehr schwer zu bewältigen. Niemand in meiner Familie oder in meiner Umgebung kann sich auf seine Arbeit oder Hausarbeit konzentrieren. Mit jedem Tag fühle ich mich mehr und mehr enttäuscht von unserer Welt, von diesem Leben, von der Menschheit und ihren Werten. So sehr hat es mich und meine Familie beeinflusst.

Wie wirkt sich der Krieg auf deinen Alltag in Bezug auf Beruf / Ausbildung, Soziales und Freizeit aus?


Flora: Ich gehöre zu den Glücklichen, die online gearbeitet haben. Ich bin Englischlehrerin und hatte daher die Möglichkeit, weiter online zu arbeiten. Aber meine Mutter kann es zum Beispiel nicht. Ich persönlich habe nicht viel Freizeit. Ich bin entweder mit meinem Studium oder meinem Job beschäftigt. Aber ich beschwere mich nicht. Im Gegenteil, es hilft mir, nicht ständig über die anhaltenden Gräueltaten in meinem Land nachzudenken oder nicht einmal viel Hass gegen die Welt zu empfinden.

Meine Mutter arbeitet ehrenamtlich, damit versucht sie auch, sich von dieser schrecklichen Situation abzulenken. Wir leiden vielleicht nicht physisch, aber der psychische Schaden kann niemals rückgängig gemacht werden. Und das alles nur, weil Erdogan und Aliyev ihre Ambitionen über das Leben so vieler unschuldiger Menschen stellen.

Wie gehst du mit dem Konflikt um? Was denkst du darüber?


Flora: Wir versuchen stark zu bleiben. Wir können es uns nicht leisten, schwach zu sein, besonders heutzutage, wenn unsere Männer an vorderster Front kämpfen. Einer meiner Schüler hat mich vor einigen Tagen angerufen. Er ist seit Beginn des Krieges an vorderster Front. Wisst ihr, was er mich gefragt hat? Er fragte mich, ob es mir gut gehe und ich etwas brauche. Könnt ihr euch das vorstellen? Er rief mich von der Front an, um sich nach meinem Wohlergehen zu erkundigen. Wir können es uns einfach nicht leisten, im Hintergrund schwach zu sein. Wir haben nicht das Recht dazu.

Hast du Kontakte zu Menschen in Aserbaidschan? Wie kam es dazu? Hat sich seit dem letzten Ausbruch des Konflikts daran etwas geändert?


Flora: Nein, habe ich nicht. Aber vor ein paar Jahren, als ich im Ausland studiert habe, traf ich eine türkische Studentin. Sie war eine Freundin einer Freundin von mir. Wir lebten im selben Wohnheim, also verbrachten wir viel Zeit miteinander. Wir standen uns nicht so nahe, aber die Beziehung war insgesamt gut.

Ich hoffe, dass es in Aserbaidschan und der Türkei immer noch Menschen gibt, deren Urteile nicht durch die Desinformationen ihrer Regierungen getrübt wurden..

Ich weiß nicht, wie sie sich in dieser Situation fühlt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich für ihre Regierung schämt und auch sehr wütend ist, denn ich erinnere mich, dass sie das Erdogan-Regime schon damals hasste. Aber es spielt keine Rolle, wie sich die Menschen in Aserbaidschan und der Türkei fühlen, oder? Es stört keinen ihrer Anführer.

Siehst du Möglichkeiten für eine friedliche Konfliktlösung? Wie würde sie wohl aussehen?


Flora: Ich glaube, dass dieser Konflikt nur mit friedlichen Mitteln überwunden werden sollte. Das wollen wir Armenier, wir, die Menschen in Arzach. Wie wir sehen können, sind die Führer der Türkei und Aserbaidschans nicht dazu bereit. Die einzige Lösung, die ich sehe, ist, dass die Menschen in Aserbaidschan und der Türkei endlich den Mut finden, sich ihren Führern zu widersetzen. Ich hoffe, dass es in Aserbaidschan und der Türkei immer noch Menschen gibt, deren Urteile nicht durch die Desinformationen ihrer Regierungen getrübt wurden.

Was erhoffst du dir von der Europäischen Union für die Konfliktlösung?

Flora: Ich hoffe, dass sie endlich verstehen, dass wir für das Grundrecht auf Leben kämpfen. Es geht nicht mehr um die Gebiete: Unser Gegner, genauer gesagt unser Feind, hat sich ein klares Ziel der ethnischen Säuberung gesetzt, einen neuen Genozid.

Die von der Türkei unterstützten Streitkräfte Aserbaidschans haben es auf zivile Infrastrukturen, Wohngebiete und Kulturzentren abgesehen. Sie haben sogar ein Entbindungsheim ins Visier genommen. Wir kämpfen nicht nur mit ihren Armeen, sondern auch mit Terroristen aus Syrien und Pakistan, die von der Türkei rekrutiert wurden. Wir kämpfen nicht nur für die Sicherheit unserer Nation, sondern auch für die Sicherheit der gesamten Region. Wir kämpfen auch ganz alleine gegen den Terrorismus. Ich hoffe, dass die EU aufhört zu appellieren und endlich anfängt zu handeln. Ich hoffe, dass die EU die Kriegsverbrechen der Türken und Aserbaidschans nicht ignoriert. Und schließlich hoffe ich, dass es nicht zu spät ist.

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Stammtische im Sommer 2020

Wir hatten diesen Sommer wieder einige Stammtische, die jede zweite Woche mittwochs stattfinden. Wir hatten spannende Diskussionen über Themen wie den Katastrophenschutz der EU, den Brexit, den Green Deal und vielen weiteren Fragen.

Wir haben versucht, aus der momentanen Situation das beste zu machen und haben uns oft auf Picknicks an der frischen Luft getroffen. Wir hatten viel geplant dieses Jahr, doch die Pandemie hat uns einen Strich durch diese Rechnung gemacht, sodass wir alles im kleinen Rahmen gehalten haben. Nichts desto trotz hatten wir viel Spaß und haben uns regelmäßig getroffen. Das wollen wir uns auf jeden Fall weiter beibehalten.

Falls ihr aus Bonn seid und auch mal dabei sein wollt (jetzt wohl wieder vorerst über Zoom) schreibt uns einfach an (über unsere e-Mail-Adressen, Facebook oder Instagram). Wir würden uns freuen!